Benissa, 3. Juni 2007

Sehr geehrte Leser,

 

als Anlage erhalten Sie mein Manuskript, welches sich mit der Schilderung einer Kurzreise nach Rumänien befasst.

 

Zu meiner Person:

Ich heiße Gabriela Melania Sonnenberg, geborene Căluţiu, und bin im rumänischen Siebenbürgen, in der Nähe von Hermannstadt aufgewachsen. Ich gehöre dem sogenannten „Klein-Ceausescu-Jahrgang“ an, der, Dank geburtenfördernder Maßnahmen des damaligen Regimes, den größten Babyboom in der Geschichte Rumäniens verzeichnet. Ironischerweise sind wir auch diejenigen, die später den Sturz des Diktators mit verursacht haben.

            Nach den anfänglichen Schuljahren auf der Deuschen Grundschule in meinem Heimatort, wechselte ich zum „Gheorghe Lazar“ - Lyzeum in unsere Kreishauptstadt Sibiu über, und machte da mein Abitur. Es folgte die Ausbildung zur Diplom Ökonomin - auf der Akademie für Wirtschaftswissenschaften in der Landeshauptstadt Bukarest - und später meine Promotion.

            Nach dem Fall des eisernen Vorhangs unterrichtete ich auf der Wirtschaftsakademie und auf der Rumänisch - Amerikanischen Universität in Bukarest. Gleichzeitig arbeitete ich als Redakteurin für das Wirschaftsmagazin „Tribuna Economica“ und zeichnete unter anderem für die eigene Kolumne „Die Welt und wir“. Von der Landeszentrale des Grosshandelkonzerns Metro aus,  wirkte ich später bei der Etablierung des ersten Konsumtempel in meiner Heimat mit.

            Seit acht Jahren lebe ich gemeinsam mit meinem Mann an der spanischen Costa Blanca und schreibe gelegentlich für das Magazin „Observatorul“, die Zeitschrift für die rumänische Diaspora in Canada und Nordamerika.

 

Zum Manuskript:

Dieser Bericht entstand hauptsächlich aus zwei Gründen: Erstens wollte ich anderen Betroffenen helfen, denen meine Erfahrung vielleicht eine Menge Kummer ersparen könnte, und zweitens hatte ich das Bedürfnis, mich von der Last einer verwirrenden Erfahrung zu befreien. Schließlich ist Rumänien, durch den aktuellen Beitritt in die EU, kein uninteressantes Thema.

 Dies ist mein bisher einziges längeres Schriftstück, da ich normalerweise nur kurze Erzählungen, ausschließlich auf Rumänisch geschrieben habe. Da Deutsch nicht meine Muttersprache ist, klingen wahrscheinlich viele Sätze unnatürlich. Für meine „grammatikalischen Galoppsprünge“ bitte ich daher um Verzeihung.

Während des Schreibens machte sich der ursprünglich sachliche Bericht selbständig und verwandelte sich in eine viel ausführlichere Geschichte. Allein die Tatsache, dieses Stück zeitgenössischen Lebens aufs Papier gebannt zu wissen, bedeutet mir persönlich schon sehr viel. Sollte das auch für weitere Leser eine interessante Lektüre sein, bin ich natürlich noch glücklicher, denn schließlich kann ich nur auf diese Weise prüfen, ob ich vielleicht nicht doch zu subjektiv eingenommen war.

Da ich nicht zu beurteilen wusste, welche Teile meiner Odyssee für andere Menschen von Interesse sein könnten, und welche nicht, versuchte ich - so gut wie möglich - nichts herauszulassen und auch nichts hinzu zu dichten. Es ist auch alles wirklich so passiert. Mir ist bewußt, daß ich nicht gegen Fehleinschätzungen gefeit bin und ich möchte mich im voraus für eventuelle Vorurteile entschuldigen.

Meine Gedanken und Einschätzungen beinhalten natürlich einen persönlichen Charakter. Ausgerechnet diese Abschnitte lösten bei meinen bisherigen Lektoren überraschend heftige Reaktionen aus: einige sahen gerade darin die größte Stärke, andere wiederum bezeichneten ausgerechnet meine Kommentare als bedeutungslos und infantil. Aus diesem Grunde kann es passieren, daß einige Passagen trocken, andere hingegen kindlich naiv erscheinen.

Alle Charaktere, die in diesem Bericht vorkommen, haben in der Wirklichkeit einen Menschen aus Fleisch und Blut als Gegenstück. Diese Schilderung schmeichelt nicht jedem. Um ihre Privatsphäre zu schützen, entschied ich mich, die Namen zu ändern.

Ich bin jetzt erleichtert.

Gabriela Sonnenberg, geb. Calutiu

Email: villa@la-gamba.net

 

 

Hauptwohnsitz:

Buzón 8-12-31, E-03720 Benissa (Alicante), Spanien; Tel/Fax: 0034 96 574 7113

Deutschland: Kielerstrasse 10, 24796 Bredenbek; Tel. 04334 353

 

 

 

AB  IN  DIE  WALLACHEI

 

 von Gabriela Căluţiu Sonnenberg

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

 

Kapitel                                                                                           Seite

 


 

Prolog        ...........................................................................          2

 

Samstag. Die Geheimmission      .....................................          3

 

Sonntag. Alteisen        ........................................................ 13

 

Montag. Hauptstadtausweis ...............................................         18

 

Dienstag. Trostpflaster         ........................................................ 26

 

Mittwoch. Die Suche nach dem richtigen Ausweg...............       43

 

Donnerstag. Das Gesetz ist kein Kuhhandel?         ...................         57

 

Freitag. Der Countdown       ...............................................         72

 

Epilog        ...........................................................................          82

 

Inhaltsverzeichnis        ........................................................ 84 

 

Prolog

 

Anfang Juli letzten Jahres überraschte mich mein Mann mit einem Geschenk. Es war ein Flugticket für eine Woche in meine Heimat, nach Rumänien.

Jede Gelegenheit eines Wiedersehens mit meiner Familie und meinen Freunden bereitet mir normalerweise große Freude, doch diesmal war die Freude getrübt. Ich wußte nicht einmal ob ich meine Eltern besuchen könnte, denn die allererste Priorität bestand in der Einreichung meines Antrages zur Entlassung aus der rumänischen Staatsbürgschaft. Dies geschah auf meinen Wunsch, denn ich hatte mich fest dazu entschlossen, ab demnächst dem Deutschen Volk anzugehören.

Mein Mann hatte es gut gemeint, die Zeit war längst reif für einen neuen Versuch. Drei Monate waren schon vergangen, seitdem ich in Berlin auf der rumänischen Botschaft scheiterte, ohne einen glaubhaften Grund dafür genannt zu erhalten. Wie im Frühling festgestellt, hatte die Botschaft keinem einzigen meiner Landsleute weiterhelfen können, egal aus welchem Anlaß sie dort erschienen sind. Das Gebäude war ohnehin schwer zu finden, denn sie waren in ein anderes Viertel umgezogen, hatten die alten Telefonnummern nicht abgemeldet und die neuen nicht bekanntgegeben, antworteten nicht auf unsere Emails und zeigten auf der offiziellen Internetseite eine Liste von mitzubringenden Urkunden auf, die keineswegs komplett war. Angesichts solch gravierender Inkompetenz hatte ich mir vorgenommen, direkt in der Heimat aufzutauchen und mich vor Ort, an der hierarchisch höheren Stelle persönlich um die Angelegenheit zu kümmern. Ich meinte, nicht ohne Grund, daß ich mich in der Hauptstadt besser auskenne (nach dem Motto „ich kenn´ schon meine Pappenheimer“). Und bei der Entscheidung hätte ich es wahrscheinlich auch weiter belassen, wenn mein Mann nicht die Initiative übernommen hätte... 

 

 

Samstag

Die Geheimmission

 

            Bukarest war schon vor mehr als einem halben Jahrtausend die Hauptstadt von Wallachien. Ein hiesiger Fürst, der sich Drakula nannte - auf rumänisch „Sohn des Teufels“ - hatte die Stadt dazu gewählt. Er war geradezu ein Gerechtigkeitsfanatiker und pflegte seine unbeliebten Untertanen kurzerhand bei lebendigem Leib aufzuspiessen. Nein, gegessen hat er sie nicht. Nicht einmal getrunken, sozusagen, obwohl moderne Krimis über seinen Blutdurst bis heute noch spekulieren.

Heutzutage gibt es eine neue Methode, das Volk im Griff zu halten: die Bürokratie. Die paar Schafe, die damals noch beim Hirten namens Bucur auf der Dorfwiese weideten, haben sich inzwischen zu einem zwei Millionen starken, stressigen Ort vermehrt. Und genau dorthin fahre ich jetzt. In die Hölle, aus meiner Sicht.  

Eine absurde Angst, als ob die Reise keine Rückkehr mehr hätte, beschleicht mich ungewollt. Obwohl der Rückflug in sieben Tagen schon gebucht ist. Egal was ich erreiche. Ein Rennen gegen die Zeit. 

Viele Rumänen haben seit der Wende den Westen entdeckt. Die Meisten ohne gültige Papiere. Ob man mich mit denen verwechselt und schlecht behandelt? Wäre ja nicht das erste mal. Menschenrechte sind zwar nett, aber wer hat schon mal von „Rumänenrechten“ gehört? „Ich will zurück nach Hause!“ So lenke ich mich ab: „Na vielleicht wird mir ein Rumänienbad gar nicht schaden.“ Noch weiß ich nicht wie Recht ich habe, denn dieser Aufenthalt wird für mich tatsächlich unvergeßlich, im wahrsten Sinne des Wortes.

Fliegen ist was schönes. Die gepflegte Ruhe der Flughäfen, die schicken Läden, das saubere Licht – was kann man sich mehr wünschen? „Vielleicht eine kleine, sichere Ecke zu Hause?“ – flüstert mir ein kleiner Teufel ins Ohr. Kein Ausweg aus dem Strudel. Ein Häufchen Elend ... und das will nach Hause. Zumindest telefonieren.

 

***

Der Flug von Alicante nach München, problemlos, wie gewohnt. Artig esse ich die ganze Flugzeugmahlzeit auf. Ich, aus der Aufessgeneration, mit politisch korrekten Tagesrationen aufgewachsen. Butter war selten. Der vielseitig entwickelte Mensch sollte ja nicht zu dick werden. Auf die Linie achten, immer dem roten Faden folgen, ein mühevoller Balanceakt.

Wieso ist es am Flughafen bei den Nicht-Eu-Bürgern so kalt? Ist der „eiserne Vorhang“ nicht schon längst geschmolzen? “Ach was! Die Welt ist schon von beiden Seiten frei“ – quatscht der kleine Satan auf meiner Schulter. Es handelt sich hierbei nicht bloß um Das Rechte Ohr (mittlerweile ziemlich taub); der freche scharlachrote Teufel trägt noch Hammer und Sichel!

 Der bayrische Bub an der Imbißtheke wickelt mein Herz in warmer Gemütlichkeit. Das selbst in Spanien noch nicht bekannte Erfrischungsgetränkeangebot verspricht Entspannung. Eine Kostprobe vom Ginsengcocktail soll Ausgeglichenheit und innere Balance einflößen. Angeblich. In Wahrheit steigt plötzlich die wahre Liebe zur deutschen Adoptivheimat hoch. Warum nicht einfach den Flug verpassen und einfach da bleiben?

Das exotische Getränk ist im Geschmack gewöhnungsbedürftig. Der quälende Durst läßt nur für eine Weile nach. Er wird mich bis ans Ende der Woche begleiten. „Beim Ablenkungsspaziergang durch die Flughafenläden findet sich sicher etwas interessantes!“ – klingt  witzelnd die Stimme meines Mannes am Telefon. Tatsächlich. Im Spiegelbild einer Flughafenvitrine läßt sich das vertraute Gesicht einer ehemaligen Schulkollegin aus der Heimat erkennen. Herrgott nochmal! Gerade noch rechtzeitig um ihr den Rücken zuzuwenden! Nein, die Vergangenheit bleibt lieber dort, wo sie ist! Ihre Ellbogen, meine Ellbogen, sie polierten früher die gleiche Schulbank. Heutzutage sichern wir der Lufthansa auf den Flügen von und nach Rumänien einen bescheidenen Umsatz. Der Radius ist mittlerweile größer, aber unsere Kreise konzentrieren sich immer noch auf den gleichen Punkt, obwohl irgendwie breiter. Das Leitwort der früheren kommunistischen Pioniere spuckt mir gespenstisch durch den Kopf: “Wir wachsen gleichzeitig mit dem Land.“ Manchmal sogar darüber hinaus.

„Ach wie gut daß niemand weiß, daß ich nach Rumänien reis´!“ Falls die Zeit nicht auch für einen Besuch in Siebenbürgen bei meinen Eltern reicht, ist es eh besser wenn keiner es erfährt. Allein die Vorstellung scheint mir schon reichlich unmöglich. Wie kann man Tausende von Kilometern reisen, um dann an lapprige 250 am Elternhaus vorbei zu sausen? Doch rein rechnerisch mag sogar diese bittere Überlegung stimmen. Es kann passieren, daß ich meine Familie nicht besuchen kann.

Kurze Aufmunterung am Telefon und zum Schluß noch schnell der Wunsch zum Erfolg. Ist doch klar, wird erledigt! In seiner Stimme schwebt ein zweifelnder Unterton. Dann auflegen. Manchmal habe ich das Gefühl, daß er mich immer noch nicht wirklich kennt.

 

 Halte meine „Waffen“ fest am Körper: Rucksack mit wertvollen Papieren um die Schulter, am Hals der Stoffbeutel mit Paß und Flugticket, in der linken Hand die Brieftasche mit dem  Geld, in der rechten Hand das Handy. Gesamtbild: ein bißchen gebeugt, ja nicht auffallen!  Auf keinen Fall gibt mein Bild die Pose der stolzen Heimkehrerin, die mal kurz aus geschäftlichen Gründen in der Heimat vorbei schaut. Eher sehe ich wie die dünnbeinigen Kinder aus, die meine ersten Lebensjahre prägten, inklusive baumelnde Schnur mit Haustürschlüssel am Hals.

Die Buchhandlung am Flughafen. Literatur ist Stoff zum Atmen, unwiderstehlich. Mit schiefem Kopf, je nach Schriftrichtung der Titel, stellt sich bei mir die Leseautomatik durch Titel und Autoren ein. Irgendwie entspannend, weil Gedanken säubernd. „Aber wehe Du vergißt da drinnen die Zeit!“ – klingt mahnend am Telefon die Stimme meines Mannes. Schon einiges ist in meinem Leben an mir vorbeipassiert, während ich seelenruhig mit irgendeinem Buch in der Hand das ganze Geschehen verpasste.  Zwischendurch noch eine Flasche Wasser an der Kasse. Da wird ja Pfand auf Flaschen genommen! Kein Problem. Die Flasche ist gleich wieder leer. Verdammter Durst! Die Kassiererin schaut verdutzt.

Zweiter Anlauf Richtung Bücherregale. Schweren Herzens erfolgt nach langem Hadern die Entscheidung für drei Titel. Ach du liebe Zeit! Warum rennt die Zeit so schnell und ich gleich mit ins Verderben? Die neue Uhr – ein Werbegeschenk – hat es in sich. Doch keine macht mich so glücklich wie damals, als mir Papa die russische Pobeda festlich überreichte. Schön sind die Zeiger der Neuen, leider aber nicht ganz einfach zu deuten. Ist es jetzt viertel nach acht oder viertel nach neun?

Auf meine erschrockene Frage reagiert ein Passant gelassen; es sei ja erst kurz vor acht. Adrenalin läuft mir durch die Adern. Jetzt erst recht fühle ich mich zum Ansturm bereit, denn meine Kampfinstinkte werden sicherlich bald gebraucht. Was meine Trödelei betrifft, räume ich meinem Mann noch geschwind beschämt in Gedanken eine kräftige Dosis Recht ein.

Inzwischen hat sich das Abflugtor geändert. Nun muß man für Bukarest  praktisch den ganzen Flughafen bis zum anderen Ende zurück durchqueren. Sollte uns meine Mutter in September wirklich besuchen kommen, würde sie schon an einer solchen Flughafenüberquerung scheitern, allein aus dem Grunde, dass sie ja sowieso nur rumänisch versteht – ähm, russisch natürlich auch.

Doch die Lufthansa bietet großzügig einen Begleitdienst am Flughafen, der uns leider nicht helfen kann. Nicht solange meine Mutter kein minderjähriges Kind oder behindert ist. Na ja, wir würden ja vieles tun, aber das wünscht man sich doch lieber nicht.

Also sitze ich da und notiere mit Liebe fürs Detail alle Eigenarten des Münchener Flughafens in meinem Heft: wo befinden sich die Schalter, wozu jeder da ist, welche Farbe haben die Uniformen des Bodenpersonals, wie funktioniert die Toilettenspülung (nein, man muß nicht bezahlen um da wieder raus zu kommen!), was die Buchstaben und Zahlen an den Schildern zu bedeuten haben usw. Nun habe ich einen zusätzlichen Grund, meine Eltern zu besuchen und ihnen diese Anleitungen zu überreichen. Als ob ich noch mehr Gründe bräuchte! Schon läuft eine rührende Bollywoodszene vor meinem geistigen Auge: ich rufe vom Straßenende an und, während ich die Tür aufmache, die perplexen Gesichter meiner Eltern und die Freude... Moment mal, wo waren wir denn gerade?

 

***

Willkommen an Bord. Auf jede nur erdenkliche Möglichkeit bedacht, irgend etwas umsonst zu ergattern, schnappe ich mir gleich eine Frauenzeitschrift und einen Bonbon. Erst löse ich das Kreuzworträtsel, dann schaue ich mir jede einzelne Seite aufmerksam an und lese alle Artikel. Später kommt sie noch einmal zum Einsatz, bei meiner bukarester Freundin Clara. Auch da gilt die Freude am sorgfältig erledigten Job.

Fensterplatz, natürlich. Links von mir sitzt eine recht stramme junge Spanierin. Ein bißchen drückt sie mich an die Außenwand. Zu ihrer Linken sitzt ein junger Rumäne, der höflich eine Konversation anfängt. Sie kann nur spanisch. Genügt wohl auch. Meine Zweifel über den weiteren Verlauf der Unterhaltung sind schon geweckt.

Mein mutiger Mitbürger läßt sich nicht abschütteln und versucht sich tapfer in einem beeindruckenden Gemisch von Englisch, Deutsch und Italienisch auszudrücken. Hätt´ em ok nichts ´nutzt – würde man in meiner neuen Wahlheimat sagen (Schleswig-Holstein).

Er käme von einem internationalen Seminar aus München zurück, eine zweiwöchige Studienreise nach Deutschland. Die Bemerkung fällt bewußt unauffällig, nicht ohne gedämpftem Stolz. Die Tatsache, daß der junge Mann offensichtlich mehrsprachig und gut ausgebildet ist, scheint nicht zu beeindrucken. Die Spanierin deutet ihm wortkarg an, in die Hauptstadt zu einem achttägigen Treffen zwecks kulturellen Austausches zu fliegen. Acht weitere spanische Auserwählte sollen der Gruppe im Flugzeug angehören. Sie ist sehr laut.

Offen, neugierig, naiv schlägt sich der Typ tapfer weiter. Natürlich könnte ich dolmetschen, aber dafür braucht man einen Grund. Einen Siebenbürger bringt man nur ganz schwer aus der Ruhe. Klassisches Beispiel ist eine von mir erlebte Situation in meiner Heimatstadt: da versuchte ich einmal durch gezielte Befragung meiner Mitfahrer im Stadtbus zu erfahren, wo ich aussteigen muß, um zu einem bestimmten Krankenhaus zu gelangen. Erst der fünfte Siebenbürger konnte mir helfen. Auf meinen Vorwurf, warum er nicht früher mit der Antwort rausgerückt sei – schließlich hat er mich doch bei meiner Umfrage beobachtet – erwiderte er mir vollkommen perplex: „Mich hatten Sie ja nicht gefragt!“.  Ja, liebe Leute, wie ihr sieht, hier spricht keiner ungefragt! Außerdem mischt man sich nicht in die Privatangelegenheiten fremder Personen ein. In Bukarest hingegen kann man sich in ähnlichen Situationen gar nicht vor lauter Hinweisen aus allen Richtungen retten und wahrscheinlich wird man dann auch noch punktgenau zum Ziel gebracht, von irgend einem netten Rentner, der extra zu diesem Zweck aussteigt, um einem auf dem Weg dahin seine halbe Lebensgeschichte nur so nebenbei mit einflößt. Ich frage mich manchmal im Ernst, was mir wirklich lieber wäre.

Währenddessen verläuft der spanisch - rumänische Kulturaustausch am Bord weiter. Allmählich vergreift sich der Junge an Themen, die mir nicht gerade angenehm sind. Als kleinen Freundschaftszins verpaßt er der Spanierin den Ratschlag, sich vor Verbrechern zu hüten. Natürlich wird in Rumänien viel gestohlen, wie übrigens auch in Italien und in fast allen anderen Südländern (geschweige denn von Spanien, da kenne ich mich nun mal wirklich gut aus). „Es wimmelt nur so von Betrügern in Bukarest. Lass ja keinen merken, daß du Ausländerin bist!“ - warnt der „Apostel“ mit ernstem Blick, auf Englisch.

Ein früherer rumänischer Denker wollte Anfang des letzten Jahrhunderts eine typisch rumänische Eigenschaft erkannt haben: sobald wir mit Fremden ins Gespräch kommen, verschaffen wir uns erst mal seine Aufmerksamkeit, indem wir unsere Mitbürger kräftig kritisieren und beschimpfen. Ein Volk von Dieben, Gaunern und Ganoven, lauter gottlosen Zigeunern und bösartigen Kriminellen sollen wir sein, natürlich abgesehen von den anwesenden Personen. Im besten Fall warnt man vor den harmlosesten, die zwar unzuverlässig sind, immer lügen und nie ihr Wort halten, aber immerhin nicht handgreiflich werden. Auch der Denker Nicolae Iorga konnte diese Tatsache nicht ändern; wie ich  heute feststellen muß, hat sich im Grunde genommen kaum etwas verändert. Es wird weiter angeschwärzt.

In Wirklichkeit wäre es sowieso unmöglich gewesen, den ausländischen Ursprung unserer Touristin nicht auf Anhieb zu erraten. Dafür war sie  einfach viel zu locker gekleidet. Die Frauen in Osteuropa pflegen ein ganz anderes Persönlichkeitsbild und achten penibel auf das Detail. In ihrer modischen Einstellung sind sie sich auf irgend eine rätselhafte Weise, selbst ohne sich abgesprochen zu haben, erstaunlich einig. Da spielt es keine Rolle mehr, ob wir es mit einer Bulgarin, Polin oder Rumänin zu tun haben. Das habe nicht ich behauptet; es wurde mir oft von westeuropäischen Bekannten erzählt. Selbst mein Mann, der nicht unbedingt als Frauenfeind, aber auch nicht gerade als Schürzenjäger gilt, musste öfter tief einatmen, wenn er für eine halbe Stunde das Flanieren der Studentinnen der Handelsfakultät vor dem Dekanat miterleben durfte. Tja, heiß war es, da kam sogar der liebe Gott ins schwitzen...

Allmählich zeigt das Mädchen aus Sevilla Interesse, doch bedingt durch die Sprachschwierigkeiten hält sich ihr Begreifen in Grenzen. Laut schreiend fragt sie ihre Kollegen: „que signífica la palabra «bikerful» (be careful) en inglés?“. Am liebsten hätte ich den jungen Mann am  Kragen gepackt und die unberechtigte Negativwerbung, die er uns allen so „selbstlos“ schenkte, berichtigt. Aber auch ich bin Rumänin; wie die meisten vom Kommunismus Geschädigten, mag ich Harmonie und gehe ängstlich jeder Auseinandersetzung aus dem Wege. Ein verhaßtes Sprichwort, welches wahrscheinlich aus der Zeit der türkischen Vorherrschaft über die rumänischen Provinzen stammt, besagt: „geneigte Köpfe werden vom Schwert nicht getroffen“. Nun beschäftige ich mich weiter mit meinem Kreuzworträtsel und tue so, als ob ich nichts verstehe, anders gesagt „kein Knoblauch gegessen, so stinkt mein Mund auch nicht“, was in Rumänien ja kaum möglich wäre, wenn man den Verbreitungsgrad des Knoblauchs kennt.

***

Die Verschnaufpause im Flugzeug ist vorbei. Eine offizielle Delegation wird mit dem VIP-Bus direkt am Flugzeug abgeholt. Den Trick haben wir früher auch benutzt, als wir kurz nach der Wende die Begleiter der Hilfskonvois abholten. Macht Eindruck.

Es ist kurz nach Mitternacht. Der glänzende Fußboden des Bukarester Flughafens fühlt sich fest an. Nur die stille Einsamkeit bedrückt. Ja wo sind die denn alle hin?! Hier gibt es nicht viel Verkehr. Meine eigenen Schritte verursachen ein gespenstisches Echo. Die Paßkontrolle verläuft problemlos. Dieser Schalter ist wohl einer der wenigen Stellen auf dieser Welt, an dem man als Besitzer eines rumänischen Passes freundlich bedient wird. Allerdings gilt das nur für die Einreise...

Auch das Gepäck wird schnell geliefert. Schließlich ist es der einzige Flug, der in der letzten Stunde überhaupt landete. Tja, der Flughafen wäre ja schon perfekt, aber die geliebten Besucher kommen wohl einfach noch nicht. Am Gepäckband wartet die Crew mit uns zusammen. Warum lächeln die Stewardessen nicht mehr? Wer auch immer die Hilflosigkeit in der Luft als gefährlich und angsteinflößend empfunden hat, hat wohl nicht an das Flugpersonal gedacht. Jetzt verhalten sie sich unsicherer als vorhin, in der Luft. Der Vorhang ist gefallen, die Show ist vorbei! Mit Sicherheit freuen sie sich auf den Rückflug am nächsten Tag, nachdem sie hier übernachten, wahrscheinlich gleich am Flughafen. Ich jedoch muss mich noch die ganze Woche bis zum Rückflug durchbeißen!

Am Gepäckband hat sich einiges verbessert. Verschwunden sind die dubiosen Gestalten in blauen Overalls, die uns früher den Weg versperrten. Sie pflegten, alle Gepäckstücke unsanft vom Band runter zu ziehen und bestanden darauf, sie zum Auto zu tragen. Danach ließen sie sich nur in Devisen bezahlen, und wenn man ihnen für ihren Service weniger als zwei Dollar gab, beschimpften sie einen lautstark und spuckten.

Auch beim Ausgang werden wir alle nett durchgewunken. In meinem Gepäck befindet sich sowieso nur das Nötigste für eine Woche, denn ich bin vom blöden Aberglauben überzeugt, daß der Aufenthalt nur so lange dauern kann wie die Klamotten halten.

Aus einer Masse wartender Leute winkt draußen Matei. Neben ihm steht eine Frau, die auf eine Gruppe junger, spanischer Teilnehmer für Ihr Origami - Seminar wartet. Aha, soviel zum Kulturaustausch! Laut Mateis Schilderung macht der unerträglich heiße Bukarester Sommer gerade eine Pause für mich und legt angenehmere Temperaturen an. „Sogar das Wetter ist auf deiner Seite“.

Macht es einen Sinn, gute Zeichen zu addieren, wie das Wetter und so? Zumindest steht im Horoskop (ja, selbst das habe ich in der Zeitschrift gelesen!), daß der kommende Donnerstag mein allerbester Tag des ganzen Jahres sein würde. Und das gilt für alle Lebensbereiche, mit Körper, Geist und Seele, Haut und Haaren. Würden die Orakel bitte auch stimmen?!

Das Gepäck landet im Auto auf dem Rücksitz. „Es ist einfach sicherer als im Gepäckraum. Ich schätze, die Zeiten sind vorbei, als sie noch die Kofferräume an der Ampel knackten. Aber ich brauche noch eine Weile, bis ich mich daran gewöhne“ – erklärt Matei beiläufig. Ja wir alle sind ein bisschen träge, bei der Anpassung.

Der Durst bleibt mir weiter treu, doch die Nachricht, im Haus sei kein Bier, bereitet mir in diesem Zusammenhang Sorgen. Auch die Lust zum Rauchen meldet sich prompt, gelockt durch die „Aromen“ der Hauptstadtluft. Also halten wir an einer Tankstelle. Der Stapel rumänischer Geldscheine, der mir vor kurzem beim Aufräumen aus unserem Serviettenhalter entgegen quillt, sollte gefälligst Eindruck machen. Die vielen Millionen reizen mich ungemein.

Beck´s Bier ist gerade stark in Mode, doch leider gibt es davon nur noch eine Flasche. Wir kaufen sie für meine Freundin Rosa, Mateis Ehefrau. Für uns bleibt immerhin das Tuborg, reines Verwöhnen, wenn mehr als zwei Möglichkeiten zur Auswahl stehen, nicht bloß Bier „blond“ oder Bier „brünett“ wie vor der Wende. Dazu Marlboro light. Es gab Zeiten, da verteilte man jede einzelne dieser Zigaretten, wie kostbare Luft, über zwei Monate. Doch auch in Sachen Genuß steht Rumänien dem Westen in nichts mehr nach. Wir haben vielleicht nicht unbedingt das Wichtigste, aber schon das Offensichtlichste übernommen. Komisch, ich bin gerade erst angekommen und schon spreche ich so selbstverständlich von „wir“.

Das heitere Mädchen an der Kasse strahlt die geradezu unschuldige Nichtbetroffenheit der „tristen Diktaturzeit“ aus. Für ihr Alter völlig normal. Bald fängt man an, sich als Gruftie zu fühlen, nur weil man die Wende miterleben durfte.

Die überdimensionalen Scheine aus meiner Tasche wecken keine große Begeisterung. Mit einem Blick frage ich Matei ob er der Meinung ist, daß es reicht. Er nickt ermutigend zurück, aber ein bübisches Lächeln haftet an seinen Mundwinkeln. Übrigens, Matei ist hauptberuflicher Schauspieler, fest angestellt beim Nationaltheater.

Die Kassiererin ordnet das Geld in Stapeln. „Die hier sind nicht mehr gut“ – spricht sie und reicht uns einen Stapel Zehntausender zurück. Sie behandelt mein Geld wie abgelaufenen Käse! „Und die da erst gar nicht“ fügt sie dann noch hinzu und fischt ein paar Fünfzigtausender heraus, obwohl - ich hätte schwören können – die sahen genauso aus wie die anderen.

„Was fehlt dem Geld?“ erwidere ich amüsiert, „Stinkt es? OK, vielleicht ein bißchen nach Knoblauch, aber...?“.

“Nein, nein, es ist nur so, daß diese silberne Wolke in der Ecke unregelmäßig aussieht,  nicht so wie der Umriß einer Geige, wie man auf den „Schwesterscheinen“ erkennen kann.“

Ob es Falschgeld sei? „Nein, nein, nur eine Fehlprägung, die vor zwei Jahren aus dem Umlauf genommen wurde. Leider dürfen wir das nicht mehr annehmen“. Sozusagen echtes Falschgeld,  keine Sorge. Na dann, alles klar und schönen Dank! „Wie lange waren Sie denn nicht mehr da, wenn Sie das nicht wissen?“, fällt der Groschen mit dem Fallschirm bei der Kassiererin.

Aus dem Lagertürrahmen beobachtet uns offensichtlich interessiert eine reifere Dame. Hier am Flughafen fallen manchmal merkwürdige Menschen aus allen Wolken!

Dann soll ein recht stattlicher Schein für ein Feuerzeug eingetauscht werden. Drei verschiedene Modelle gibts, dazu noch in unzähligen Farben. Schwere Entscheidung für mich. Anstatt das Teuerste zu verlangen, kommt genau das Gegenteil aus meinem Mund heraus. Prompt werde ich wegen meines dummen Geizes rot. Eindeutig klar, sobald ich den heimatlichen Boden betrete, schaltet mein Gehirn automatisch auf „Sparflamme“.

„Grün“ – füge ich kleinlaut hinzu und hinterlasse großzügig drei kleine Aluminiumscheiben auf der Theke. Das Mädchen bedankt sich herzlich. Zu herzlich für meinen Geschmack. Draußen  erklärt mir Matei, dass die drei kleinen Münzen ungefähr so viel wert sind, wie zwei Banknoten, jede etwa handflächengroß, insgesamt ca. Ein Euro. Dafür hätte ich mir immerhin auch das teurere Feuerzeug extra dazu leisten können.

***

Origami ist die Kunst des Papierfaltens, erfahre ich. Daraus resultieren phantasievolle fliegende Objekte oder Salz-und-Pfeffer-Behälter, wie ich sie aus meiner Kindheit kenne. Kommt aus Japan. Ein kultureller Austausch eben. Unser Auto rollt langsam auf die wahrscheinlich beste Straße in ganz Rumänien. Es ist die Chaussee, die von allen Neuankömmlingen benutzt wird, wenn sie vom Flughafen in die Hauptstadt fahren. Als, vor ein paar Jahren, der Papst zu Besuch kam, haben die Stadtväter das „Neuteeren“ dieses 20 Kilometer langen Abschnitts befohlen. Leider reichte damals das Geld nicht ganz, also wurde nur eine Fahrtrichtung gemacht. So musste bei der Abreise Seiner Hoheit die ganze Trasse gesperrt werden, damit der Papst die linke Straßenseite benutzen konnte. Bei der Ankunft wurde der Heilige Vater katholisch korrekt rechts kutschiert, bei der Rückreise jedoch links, etwas unorthodox. Ob er das überhaupt gemerkt hat, und es vielleicht unserer hauptsächlich griechischorthodoxen Glaubensrichtung zugeschrieben hat? Phantasie hat mein Volk allemal bewiesen. Wie war das nochmal mit „meins“?

Hinter dem Denkmal des unbekannten Soldaten steht das Radar. Soweit ich weiß, waren die schon immer da. Insiderwissen halt, von früher. Überhaupt ist es gut wenn man jemanden hat, der einem diese mittlerweile entfremdete Welt erklären kann, jemanden der weiß was noch gilt und was endgültig Vergangenheit ist.

Rosa, Mateis´ Frau und gleichzeitig meine beste Freundin, steht mit kleinen Augen in der Tür und strahlt geradezu Todmüdigkeit aus allen Poren. Doch bevor wir zu Bett gehen, wird erst mal das Bier getrunken. Beim Erwachen, am nächsten Morgen, auf der Ausziehcouch, kommt es mir vor, als hätte ich gerade eine Sekunde lang geschlafen.

 

Sonntag

            Alteisen

 

 

Valentin irrt im Haus herum und kann sich vor lauter Vorfreude nicht beruhigen. Eine Zwergengestalt vor dem blendend strahlenden Fensterrahmen, in einem ungewohnten Zimmer. Er mustert mich von Kopf bis Fuß mit interessiertem Blick. Nur mit großer Mühe konnten ihn seine Eltern am Vorabend zu Bett bringen, indem sie ihm erzählten, ich käme erst am nächsten morgen. Für seine fünf Jahre hat er einen ganz schön ausgeprägten Willen. Nun steht er vor meiner Couch und sucht die Umgebung mit den Augen ab, als würde er überall versteckte Ostereier vermuten.

Denn eins ist in meiner Heimat ganz klar: Besuch bringt immer Geschenke. Immer. Egal. Also freut man sich darauf. Und das ist gut so. Schließlich ist irgendwann jeder dran. Eigentlich ganz schade, dass sich dieser Brauch nicht überall weiter hält.

Das gemütliche Familienfrühstück, die innere Ruhe, das gute Gefühl ausgeschlafen zu sein, einfach toll, und nicht zuletzt: wir haben Sonntag! Sozusagen die Ruhe vor dem Sturm, ein freier Tag, bevor die Urkundenjagd beginnen darf. Als ob ich mir das alles noch einmal ganz entspannt überlegen sollte. Ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl?

 Wir essen Käse und Yoghurt vom Bauern; die Wiederbelebung des Geschmackes meiner Kindheit. Der Begrüßungstrunk Marke Beck´s war wohl doch nicht das Beste, denn Rosa klagt über Kopfschmerzen.

Unter der morgendlichen Dusche stellt man dann fest, daß der Wasserdruck äußerst schwach ist. Schon wieder habe ich das vergessen! Muß es immer soweit sein, daß ich schon in der Badewanne sitze?! Doch nach lautem Wortwechsel durch die Badezimmertür begreift Matei meinen Ärger und schaltet die Wasserpumpe im unteren Stock auf „AN“. Wie man sieht, gibt es für alles eine Lösung. Für mich ist nun wieder alles normal. Hier gilt nicht die Vermutung, daß alles gut zu funktionieren hat, einfach so von alleine. Mir wird klar, ich denke an die Normalität anderer Orte. Nach der Dusche wird die Pumpe wieder ausgeschaltet.

Als erste Tagesaktion rollen wir auf Inlinern in den Park und treffen hier unsere Freundin Clara. Die Unterhaltung orientiert sich an dem mittlerweile traditionellen Thema unserer Gruppe: Claras unerträglicher Streß auf der Arbeit. Es saugt ihr die ganze Energie aus dem Körper und es kann auf Dauer nicht funktionieren. Dazu kommt noch die Belastung der schon seit zwei Jahren bestehenden Wochenendbeziehung zu ihrem Freund Isidor, der 250 Kilometer weit weg, in Hermannstadt, lebt. Kurz gefaßt: Claras Dilemma ist klar: entweder verantwortungsvolle Position mit entsprechender Entlohnung in der Hauptstadt, oder ein gediegenes Familienleben in materieller Not, in einer Provinzstadt. Ähm, war da noch was? Ach ja, die gute, alte, schöne Liebe....

Was war das für ein großartiges Gefühl als ich vom Unterricht in die private Wirtschaft wechselte! Meinem Gehalt wurde eine Null angefügt. Kann man sich überhaupt vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn einem plötzlich das zehnfache Gehalt zusteht, während die erdrückenden Mehrzahl der Mitbürger immer noch lediglich mit einem Zehntel davon zurechtkommt? Für knapp ein fünftel meines Gehaltes fuhr mich ab sofort täglich ein Taxifahrer aus der Nachbarschaft zwanzig Kilometer hin und zurück zur Arbeit. Denn ich hatte kein Auto.

Ich brauche nur die Situation umzudrehen und schon könnte ich nachvollziehen, wie es Clara gehen würde, wenn sie freiwillig den Job wechselte und nur noch ein Zehntel verdienen sollte. Wie schlimm muß es wohl kommen, um so eine unglaubliche Entscheidung in dieser noch unglaublicheren Welt zu treffen?!

Das Thema wird heftig debattiert. Am Ende zeichnen sich klar zwei Fronten ab: auf der einen Seite wir alle, die sie ja schon als erfolgreiche Managerin mit superstarkem Dienstauto kennen; auf der anderen Seite Clara alleine, mit ihrem naiven Glauben an eine romantische Zukunft als Bankangestellte hinter einem Provinzfilialschalter. Das einzige, worauf wir uns einigen können ist ein gemeinsamer Grillabend auf Matei und Rosas Innenhof, in ca. 8 Stunden.

Mein Herz dagegen schlägt inzwischen stärker für Rosas italienische Inlines. Im Stillen verspreche ich mir ein ähnliches Paar als Belohnung, falls ich diese Woche meine Behördengänge erledigen sollte. Um der Entscheidung einen definitiven Schliff zu geben, vielleicht auch um meine Motivation noch mehr zu steigern – wenn das überhaupt noch nötig ist – vereinbare ich mit Clara einen Einkaufsbummel bei „Carrefour“.

Dann rumpelt unsere Gänsefamilie auf Rollen zu einem Restaurant in der Nähe. Das traditionelle Essen besteht aus riesigen Portionen, durchaus schmackhaft, und selbst für Einheimische bezahlbar. Essen im Restaurant ist mittlerweile keine Seltenheit mehr. Selbst der peinliche Vorfall, als wir uns trauen unsere Reste mit nach Hause nehmen zu wollen, wird von der Bedienung professionell abgehandelt. Prompt sind unsere Schnitzel in ästhetischen Plastikschachteln eingepackt. Es wird nicht gemunkelt denn, wie man sieht, hat mittlerweile jeder schmerzlich erfahren, was eine Million Wert ist (und zwar genau das, was früher ein Hunderter war).

 

Wieder zu Hause. Ich rufe an. Suche Hilfe für meine Entlassung aus der Staatsangehörigkeit. Das berüchtigte Spiel vom „kennst du jemanden, der irgendwie, irgendwo...?“, ich hasse es wie die Pest, aber scheinbar gibt es nur ein Rezept: „Vitamin B“.

Meine Freundin Laura hat erst für morgen Nachmittag ein Treffen mit einer ihrer besten Freundinnen auf einer Bierterrasse eingeplant. Diese hat früher mal auf der Paßstelle gearbeitet und könnte mir eventuell helfen. Dazu soll sich auch ein Anwaltsehepaar gesellen, falls ich juristischen Beistand brauche.

Mir wird klar, dass Laura sich mehr auf das Bier als auf den Ernst meiner Lage konzentriert hat. Lieber heute als morgen wäre ich zu meinen Eltern geflogen und hätte die ganze Sache vergessen. Dabei dachte ich, dass Laura mir hilft! „Es bleibt so wie besprochen“ – sagt man in Rumänien oft, wenn man nach langem Hin- und Herreden immer noch „nix genaues nicht weiß“...

***

Wir halten Mittagsschlaf. Auf der Straße läuft ein Pferdegespann, Pardon ein Ein-Pferd-Gespann. „Huch!“, ich springe erschrocken aus dem Bett. Es zieht mit Höllenlärm einen klapprigen Wagen hinter sich her. Das kaputte Kopfsteinpflaster macht den Radau noch unerträglicher, die Hunde in den Höfen (ich glaube es gibt mindestens einen pro Haus) bellen als ob sie den Verstand verloren hätten. Sehr undeutlich, übertönt vom ganzen Getöse, ist eine Männerstimme zu hören. Er schreit immer wieder das Gleiche, doch keiner versteht was. Der Satz kommt etwas gesungen durch, wehmütig, rauh. Da ist mehr Rhytmus drin als Melodie, und es erinnert schmerzlich an meine geliebten andalusischen Flamenco-Lieder.

Auf einem Holzbrett im Wagen sitzt ein Zigeunerehepaar. Das Pferd, gesund und kräftig; im Wagen, alte Eisenwaren. Alteisen, so wie ich. Zwischen den zwei Weltkriegen, als Bukarest noch Klein-Paris genannt wurde, fuhren viele Krämer durch die Straßen. Sie trödeln immer noch, als ob ihre Uhr stehen geblieben wäre. Würde mich interessieren, ob sich das noch lohnt. In der Planwirtschaft passte das nicht mehr ins Bild, doch scheinbar waren die Zigeuner zäher als der Kommunismus. Jetzt ist es scheinbar wieder lukrativ geworden. Ob die beiden wirklich davon leben können? Unwichtig. Glücklich sehen sie aus, so zeitlos; sie döst mit dem Kopf in seinem Schoß und er verläßt sich auf seine Pferde, mit dem Blick in die Ferne schweifend.

Der im Anschluß folgende kurze Ausflug sorgt für konsumbedingte heitere Stimmung. Trotz Sonntagnachmittag ist der Parkplatz vor dem Hypermarkt mit schicken teuren Schlitten rappeldickevoll. Alle Läden haben auf, selbst die teureren Boutiquen. Von wegen Arbeitnehmerrechte und geregelte Arbeitszeit am Wochenende. Freie Marktwirtschaft, wildfreie, bitteschön!

Die Wechselstube gibt neues, rumänisches Geld aus. Wir sind von gepflegter Kundschaft, adretten jungen Damen, korrekt gekleideten Familienväter, poppigen Teenies umgeben. Das einzige was anders ist: die Jugend, irgendwie schüchtern, dezent und höflich. Rosa sagt: „das hier ist nicht das Volk.“ Sogar die Preise sind praktisch die gleichen wie sonstwo im Ausland. Otto Normalverbraucher muß also woanders kaufen. Immerhin, es gibt wohl „Unseresgleichen“ in nicht zu übersehender Anzahl.

Genauso wie am Flughafen steht hier und da ein Uniformierter und paßt unauffällig auf uns auf. Früher liefen sie als Zivilisten, mischten sich unter dem Volk und belauschten uns gierig. Gemeingefährlich waren die. Diese da sind gut für uns, die sogenannten privaten Securitys. Komischerweise bezeichnet man sie heutzutage genau mit dem selben Wort welches früher jedem von uns die nackte Angst in die Knochen gejagt hätte: Securitate. Aber auf Englisch ist es ein ganz anderes Paar Schuh´. Diese Institution als Privatfirma, auf den ersten Blick eine unmögliche Entwicklung! Ich kann mir denken, daß sie auf einen Westeuropäer eher einschüchternd wirken, doch wir finden sie OK. Sie sorgen dafür, dass uns nichts passiert.

Ein zartrosa Fischfilet übt auf Rosa unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Was ich davon halte, fragt sie erwartungsvoll. Schließlich müsste ich mich eigentlich als Küstenbewohnerin am Mittelmeer gut mit Fisch auskennen, aber sie ahnt nicht, wie selten wir das essen. „Scheint in Ordnung zu sein“ – gebe ich mit gespieltem Kennerton grünes Licht und nehme mir vor, die Einkäufe selber zu bezahlen.

 

***

Abends, zu Hause. Wie schnell nennt man „zu Hause“ einen Ort an dem man sich wohl fühlt! Rosa und Matei´s Haushälfte ist von einer befreundeten Architektin ausschließlich mit Qualitätswaren eingerichtet worden. Die geschwungene Innentreppe schwebt leicht und luftig wie eine honigfarbene DNS-Spirale über das Wohnzimmer. Ach, die Leichtigkeit des Seins.

Mich rufen Leute an, ich werde verlangt, eingeladen, hofiert. Wie gut, dass ich hier doch nicht zu Hause bin. Sonnst hätte ich sie alle jetzt hier unter einem Dach. Und doch, wie schön, dass man mich nicht vergessen hat...

Rosa reinigt das Fischfilet in der Küche. Ihre Augen blitzen voller Zorn. Die Rückseite ist ja gar nicht sauber gemacht worden, Flossen und Schuppen, alles da! „Welch billiger Trick! Erwarten die etwa, daß wir jemals wieder Fisch bei ihnen  kaufen?!“ – schimpft sie zu Recht. Tja, so sieht Marktwirtschaft in ihren Anfängen aus, ziemlich grätig.

Wir trinken weißen rumänischen Wein; roten trinkt man hierzulande nicht gerne, weil der so einfach zu fälschen ist. Bis spät in der Nacht wird über rumänische Themen geplaudert. Meine „ausländischen“ Erlebnisse halten nicht mit. Sie sind einfach nicht so bunt und interessant wie die von hier. Mit meinen Geschichtchen bin ich meistens ziemlich schnell durch. Was die Vielfalt des Menschenlebens betrifft,  bietet Rumänien ein unschlagbares Angebot, voller unerwarteter Dinge.

Matei kämpft mit der Grillzange um die immer kleiner werdenden Fischteile. Die Hälfte davon fällt durch den Rost auf die Kohle und verbrennt. Na ja, wir haben es probiert. Langsam schleicht sich bei jedem der Gedanke an die folgende Arbeitswoche ein. Nein, durchzechte Nächte sind wirklich nicht mehr aktuell. Abräumen, spülen, verstauen, damit wir morgen auf eine - zumindest an der Oberfläche - heile Welt treffen.

Gegen Mitternacht ruft nochmals Laura an, nur so, weil sie sich doch melden wollte. Ach ja, hier ticken die Uhren doch anders. „Tut mir leid, habe nichts gemacht. Ich sitze immer noch da draußen, mit ein paar Freunden und wir trinken Bier. Kommst Du nicht vorbei?...“ Kein Wort vom Versprechen, mich weiter zu vermitteln, ohne Reue. Tja, kommt mir bekannt vor. „Aber ich melde mich  morgen früh bei Dir. Mach Dir keine Sorgen. Wir kriegen das hin“ – tröstet sie mich noch zum Schluss. Angeblich will sie jetzt gleich doch noch ihre Bekannte vom Volkszählungsamt anrufen.

Nach Mitternacht, noch bevor ich einschlafe, überlege ich im Bett, wie ich wohl reagieren würde, wenn mich Laura mit einem Telefonat aus dem Schlaf risse, um mich zu bitten, einer ihrer Freundinnen aus Spanien beim Papiereschieben zu helfen. Dabei entgeht mir, dass sie auch mich eigentlich ohne Grund auch aus dem Schlaf geholt hat. Hoffentlich helfen mir ihre Bekannten trotzdem weiter und werden, ob der späten Stunde, nicht noch nachtragend...

 

 Montag

            Hauptstadtausweis

 

 

Der Wasserstrahl ist dünn und schleicht sich mager wie Honig davon. Zum trinken ist es nicht geeignet, aber gut genug zum Zähneputzen. Wenn alles heute so langsam fließt, dann habe ich ein Problem. 

Punkt 10:00 Uhr greife ich mir das Telefon und rufe Laura an. Zögerlich gibt sie die Arbeitsadresse und den Namen Ihrer Freundin heraus und versucht, mich wieder auf den Nachmittag zu vertrösten. Doch ich sitze auf heißen Kohlen. Mir ist als brenne der Boden.

Ein Polizist mit ernstem Blick begleitet mich zum Portierhäuschen. Drinnen sitzt ein uniformierter Beamter. Ich grüße höflich und nenne selbstbewusst den Namen der Frau, die ich besuchen will, als ob ich sie schon kenne. Der Beamte verlangt einen Ausweis. Ich reiche ihm meinen Pass. Er zuckt kaum merklich mit der linken Augenbraue und mustert mich skeptisch noch einmal. Dann trägt er meine Daten in ein Register ein und zeigt mir den Eingang. „Sie dürfen nicht rein. Am Ende der Treppe ist ein Telefon. Wählen sie die Nummer des Büros “    erklärt er noch kurz.

Die junge Dame, Lauras Bekannte ist freundlich zu mir. Kumpelhaft, nett, einfach normal. Ein Balsam für meine erschrockene Seele. Im Gegenteil zu mir, scheint sie sich überhaupt nicht vor den bürokratischen Hürden zu fürchten. Zögernd zeige ich ihr die lange Liste der benötigten Urkunden. Dann quillt es nur so aus mir, vom gescheiterten Versuch bei der Berliner Botschaft.

Angeblich liegt es an meiner Heiratsurkunde, sie ist deutsch. Mit der müßte ich mich in Rumänien um die Ausstellung einer einheimischen bemühen. „Doch das dauert in der Regel monatelang. So einen langen Urlaub im Lande kann ich mir gar nicht leisten!“ – stotter, stotter. „Dazu kommt noch, daß inzwischen sowohl mein Führungszeugnis wie auch der Bescheid vom Finanzamt abgelaufen sind“ – füge ich außer Atem bei. 

„Das können wir gleich beantragen“ – beruhigt sie mich und verlangt meinen Ausweis. „Hier, mein Pass“ - nichtsahnend reiche ich ihn ihr rüber. „Nein, Mensch, mit Paß kriegst du kein Führungszeugnis, dafür brauche ich doch den Ausweis, verstehst du kein rumänisch?“ Perplex frage ich mich nach der Relevanz dieses unscheinbaren Unterschiedes denn, soweit ich weiß, kann man sich mit dem Pass genau so gut wie mit einem Ausweis identifizieren. Die Wahrheit jedoch ist, dass mein Ausweis abgelaufen ist, nachdem ich jahrelang im Ausland lebe. Meine Logik sagt mir auch, dass jemand, der keinen Wohnsitz im Lande nachweisen kann, auch kein Recht auf einen Ausweis hat.

„Ohne Ausweis geht hier nichts“ – sagt Tina mit ernster Miene und erklärt mir in atemberaubender Geschwindigkeit, wo ich die Poststelle finde, um eine ganz bestimmte Ausweisgebühr zu bezahlen, den Beleg unter meinem Mädchennamen zu verlangen,  beim Fotografen ein Ausweisfoto machen zu lassen, um dann schleunigst wieder zurückzukommen. Mein verwirrter Blick veranlasst sie zur Frage: „Schaffst Du das alleine?“, und sie sieht mich mitleidig an. Mit tränenden Augen und einem Klotz im Hals schüttelte ich nur noch verneinend den Kopf, dann packt sie mich am Arm und verläßt mit mir zusammen den umzäunten Hof.

Gleich gegenüber ist eine Geschäftszeile mit Fotoladen und Postamt. Beim Fotograf sitze ich auf einem Stuhl und muss vor meiner Brust ein weißes Schild halten. Nein, auf dem Schild steht nichts, nicht mal eine Nummer. Trotzdem fühle ich mich wie ein Verbrecher auf der Polizeistelle.

Die Post ist überfüllt. «Hier kommst Du nie im Leben dran » – schießt es mir durch den Kopf. Doch Tina drängelt sich vor. „Unser“ Schalter ist tatsächlich frei. Wir kommen um Geld zu lassen, alle anderen sind da um ihr monatliches abzuholen. Der kleine feine Unterschied macht was aus.

Erleichtert verstecke ich mich hinter Tina und lausche wie sie meinen schon lange nicht mehr benutzten Mädchennamen diktiert und eine mir völlig unbekannte Adresse als Wohnsitz angibt. „Habe meine eigene Adresse gegeben, denn die ist in diesem Bezirk. Sonst müßtest du zur Poststelle des Bezirkes deines letzten Wohnorts fahren“ – erklärt sie beiläufig. Moment mal. Das ist ja gelogen. Ich wohne ja nicht bei ihr. Ich frage mich ob das in Ordnung geht? Wenn alles schon mit einer Lüge anfängt.

Bin wieder auf Tinas Arbeitsstelle, beziehungsweise auf der Treppe zum Eingang. Gleich auf der Balustrade beginne ich den Antrag auszufüllen. Mit großer Aufmerksamkeit trage ich Daten ein, die mir seit fünf Jahren nichts mehr bedeuten.

Meinen abgelaufenen Ausweis nimmt Tina in Empfang. Ich habe den selben seit meinem vierzehnten Lebensjahr. Früher schlugen wir uns wie die Weltmeister um einen Kreishauptstadtausweis, denn nicht jeder besaß vielleicht das unfassbare Glück, im Besitz eines Landeshauptstadtausweises zu sein. Meine Eltern hatten damals große Anstrengungen unternommen damit ich gleich einen aus der Stadt bekomme. Mein Wohnsitz war aus diesem Grunde bei meiner Tante angegeben. Auch eine Lüge, denn wir lebten 20 Kilometer außerhalb der Stadt, sehr ländlich.

Ich sitze auf der Treppe und warte auf Tina. Ab und zu kommt sie heraus und verlangt weitere Papiere. Gleich beim ersten mal beschimpft sie mich heftig, noch bevor ich überhaupt begreifen kann, warum. Ihre Vorgesetzte hat in der Schutzhülle meines alten Ausweises einen 5 Euro Schein entdeckt und fühlt sich jetzt fürchterlich beleidigt. Ich habe den absichtlich hineingelegt, da ich diesen Brauch zur Beschleunigung sehr gut kenne. Diesmal bin ich eindeutig an die Falsche geraten. Oder besser gesagt an die Anständige, womöglich. Mein Gott, an was muss man alles denken, und woher soll man all das wissen?! Das ganze hat auch eine gute Seite:  Tina erkennt meine Verwirrung bezüglich „Freundschaftszinsen“ und schlägt mir vor, bei jeder weiteren Aktion, sie zuerst zu fragen.

 Die peinliche Angelegenheit der sogenannten „Dienstmarkengebühr“ hatte ich am Abend zuvor ausführlich beim Grillen besprochen. Da in Rumänien die Gehälter im öffentlichen Dienst sehr niedrig sind, ist es durchaus üblich, sich mit Geld für die Erledigung eigener Angelegenheiten zu bedanken. Alles schön und gut, doch wieviel muss man für jeden Gefallen bezahlen? Es kommt natürlich auf den Umfang der geleisteten Arbeit an. Leider gibt es keine offizielle Tarifliste, was ich für sehr bedauerlich halte. Die Korruption ist öffentlich strengstens verboten. Stellt sich also die Frage, wie man die „Aufmerksamkeit“ tarnen kann, so dass niemand beleidigt oder verängstigt wird. Mein erster Gedanke war, zu Euros zu greifen, aber meine Freunde rieten mir davon ab. Obwohl die Devisen gern genommen werden, sieht es nach gar nichts aus, wenn man einen kleinen Geldschein überreicht. Vielmehr beeindruckt ein ordentlicher Stapel großer rumänischer Scheine mit vielen Nullen. An den lästigen Gedanken, zum weiteren Geldwechseln verdammt zu sein, muss ich mich wohl gewöhnen. Es ist unmöglich, darauf zu verzichten. Diese Woche muss ich in den sauren Apfel beißen, ob es mir passt oder nicht.

«Zum Glück habe ich alles Erdenkliche mit» - gratuliere ich mir in Gedanken, während Tina beim dritten mal sogar meine Geburtsurkunde verlangt. Als ob sie mir das Gegenteil beweisen wollte, verlangt sie noch die Besitzurkunde meines Appartements.

 Madonna, für die Wohnung, die auf meinem Namen in Bukarest läuft, habe ich keinerlei Papiere dabei! Alles ist bei meinen Eltern gut aufbewahrt. Wie soll ich jetzt meinen Eltern erklären, die mich ja in Spanien wähnen, dass ich mich gerade in Bukarest befinde, und plötzlich meine Urkunde brauche?

„Da gäbe es noch eine Möglichkeit“ – fällt mir Tina ins Wort und verschwindet wieder im Inneren des geheimnisvollen Bürohauses. Ich sitze erschrocken draußen und hoffe. Dann kommt sie siegessicher heraus und reicht mir ein fragliches dünnes blaues Papier mit meinem Foto drauf: „Vorläufiger Ausweis mit Wohnsitz ohne Offizielle Besitzurkunde“. Lächerlich.

Gott sei Dank! Ich habe einen Bukarestausweis! Als ich hier lebte, hatte ich keinen; jetzt bin ich weg und prompt, kriege ich einen. Und der ist echt! Von der höchsten zuständigen Stelle ausgestellt, vom Landesvolkszählungsamt. Und nun, was kann ich damit anfangen? Deswegen bin ich ja nicht hierher gekommen. Ich bin nicht zum Erhalten, sondern zum Abgeben meiner Ausweise gekommen!

Das ganze erinnert ein wenig an eine ältere Anekdote aus Rußland: «Frage: Ist es wahr, daß Genosse Ivan Ivanovich einen Trabant in der Lotterie gewonnen hat? » Antwort: «Ja, aber er hat es nicht gewonnen, sondern es wurde ihm gestohlen, und es war nicht ein Trabant, sondern sein bulgarisches Fahrrad». So ungefähr ergeht es mir mit der Entlassung aus der rumänischen Staatsangehörigkeit: diese Leute wollen mir nicht nehmen, sie wollen mir geben...

Tina und ich vereinbaren ein Treffen am Nachmittag, nach ihrem Feierabend, zusammen mit unserer gemeinsamen Freundin Laura. Plötzlich habe ich wieder Zeit. Die modernen Busse, die erst seit kurzem im Einsatz sind, blitzen dermaßen sauber einladend, dass ich mich entscheide, damit zurück nach Hause zu fahren. Zu meiner Studienzeit – und das ist wirklich nicht sooo lange her – waren die so überfüllt, dass die Türen gar nicht mehr schlossen. Oft bin ich auf der letzten Stufe in der Tür gestanden, mein ganzer Körper nach draußen hängend, nur meine Hand um das Geländer drinnen geklammert.  Manchmal stieg man aus, um die Leute aussteigen zu lassen und konnte danach selber nicht mehr wieder rein. Des öfteren fiel einer der Trolleybusarme vom Führungskabel ab; dann stieg der Fahrer aus, zog seine stromsicheren Handschuhe an und manipulierte an den Stangen bis sie wieder Kontakt fanden. Danach gingen die Lichter im Bus wieder an und wir konnten weiter fahren.

Manchmal dauerte diese Operation sehr lange und hinter dem betroffenen Fahrzeug bildete sich eine lange Trolleybusschlange, die keiner überholen konnte. Die Bilder dieser menschenbeladenen Fahrzeuge, die regelrecht wie eine Traube aussahen, erinnern ein bißchen an die Fotos, die man heutzutage aus Afrika zeigt. Mir scheint es so irreal und weit weg, als ob ich es gar nicht hätte erleben können. So schlimm wie es war, das Ganze hatte eine rührend anmutende Nebenerscheinung, die viele in der für sie so entfremdenden Demokratie heute vermissen. Wir waren alle durch die große Not so dicht aneinander gepfercht, dass praktisch keiner erfrieren oder runterfallen konnte, gut aufgehoben.

Die Ticketverkäuferin sitzt in ihrem Häuschen und liest eine Frauenzeitschrift. Auf meine Frage „welche Tram fährt nach Iancului?“ antwortet sie knapp: „hier fahren keine Straßenbahnen“. Dann erklärt sie mir, daß ich den Trolleybus 90 nehmen muß. Ich kaufe drei Tickets. Angestrengt suche ich in meiner Geldbörse nach dem entsprechenden Kleingeld, denn ich beherrsche den Umgang mit dem neuen Geld noch nicht. Wahrscheinlich habe ich einen etwas verwirrten Eindruck hinterlassen, denn die Verkäuferin ruft mich nochmals zurück, um mir zu erklären, dass „ein Trolleybus das große Fahrzeug mit den zwei Stangen auf dem Dach ist und auf der Front steht groß die 90“. Die absurde Situation bringt mich zum Lächeln. 

Nun freue ich mich auf eine ruhige Stadtdurchquerung ohne den Zwang, mich mit einem Taxifahrer unterhalten zu müssen. Die Veränderungen machen sich im Vorbeifahren sichtbar, wie bei einem Museumsbesuch. Viele Straßen sind frisch asphaltiert. Ab und zu tauchen Schilder mit der Aufschrift auf: „Hier wird Ihr Geld verbaut“. Eine gute Idee des beliebten Bürgermeisters, dem ewig meckernden Volk klarzumachen, wozu die kapitalistische Erfindung mit dem hässlichen Namen Steuern gut ist. Niedlich.

 

***

Zu Hause öffnet mir Rosas Mutter fröhlich die Tür. Aus der Küche locken anziehende Düfte; die Reste vom Restaurant hat sie schon aufgegessen. Rosas Mutter heißt mit Nachnahmen „Kücklein“, ein ziemlich außergewöhnlicher Name, aber er passt gut zu ihrer zierlichen Statur und zu den schneeweißen Haaren.

Nun kenne ich sie seit circa 15 Jahren und ich habe gelernt, ihre sanfte Art zu schätzen. Als ich mit Rosa während unserer Studienzeit in der WG wohnte, tauchte sie manchmal auf und verwöhnte uns, wie heute immer noch, mit ihrer bedingungslosen Hingabe. Für sie waren wir alle ihre Kinder. Scheinbar hat sie alles immer noch gut im Griff.

Zuerst verordnet sie mir – schließlich ist sie Krankenschwester von Beruf - hausgemachte Hühnersuppe und die Kohlrouladen, die eigentlich für den nächsten Tag gedacht sind. Ich esse und esse und esse, und sie freut sich merklich, dass es mir so gut schmeckt. Ich denke: „das nennt man wohl Frust wegessen“.

Währenddessen sitzt sie angespannt vor dem Fernseher und rührt blindlings in einer Schüssel. Es läuft gerade ihre Lieblinssoap. Der Kleine Valentin macht viel Lärm und wird zur Ruhe verdonnert. „Siehst Du nicht, dass wir fernsehen?“.

Den Hauptdarsteller – einen in Amerika ziemlich bekannten Schauspieler – habe ich zufällig in Deutschland kennengelernt. Er stammt aus dem Heimatdorf meines Mannes und hat es geschafft, den amerikanischen Traum zu verwirklichen. Sogar in der „Titanic“ hat er neben Kate Winslet und Leo di Caprio mitgespielt. Der gutaussehende Herr hat mir, speziell für seine Fan-Gemeinde aus Rumänien, ein großes Foto mit Autogramm mitgegeben. Ich schätze, als er die gerade laufende Folge drehte, wußte er schon, daß sein Bild einen Ehrenplatz an der Kühlschranktür von Frau Kücklein in Bukarest eingenommen hatte.  Was soll’s? Die Welt wächst zusammen...

Nach so viel Trubel freue ich mich kindisch auf den spanischen Verdauungsschlaf. Zumindest so verpasse ich dem Alltag eine heimische Note. Unsere gemeinsame „Kückenmutter“ sammelt noch ein paar herumliegende Sachen ein, trocknet das Geschirr ab, entledigt sich der Küchenschürze und macht sich auf den Heimweg zu ihrer Einzimmerwohnung. Während sie die Tür hinter sich schließt, klingt ganz kurz die singende Stimme des Alteisensammlers aus der Ferne.

 

***

Beim Nachmittagstreffen ist Tina schon da, aber Laura kommt eine drei viertel Stunde später. Sie verspätet sich immer. Wenn man sich seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hat, was macht da noch eine halbe Stunde aus?

Kneipenbekanntschaften der beiden Frauen kommen zu unserem Tisch und grüßen höflich. Einige davon küssen mir die Hand. Aus Reflex ziehe ich meine Hand zurück. Dieser Brauch ist mir nicht mehr geläufig; anstatt mir zu schmeicheln, erniedrigt er mich.

Wir trinken Bier und essen Cevapcicis. Unter dem Motto „wir kriegen das schon hin“ herrscht eine allgemein entspannte Atmosphäre, obwohl keine von uns richtig weiß, wie es weiter gehen soll. Tina beteuert, dass der neue Ausweis viele Wege vereinfachen würde. Am nächsten Tag wolle sie mich zum  Rathaus begleiten, um eine rumänische Heiratsurkunde zu beantragen. Das junge Anwaltsehepaar versucht, sich gut darzustellen, doch ihr Nichtwissen ist offensichtlich. Ich entscheide mich im Stillen, ihre Hilfe nicht in Anspruch zu nehmen.

Ein ehemaliger Stuntman und Senator setzt sich an unserem Tisch. Seit einem Autounfall ist er schwer behindert und läuft auf Krücken. Er verwickelt mich in ein Gespräch über die Kunst, das Leben zu genießen. Man kann ihm ansehen, dass er nicht einmal das Geld besitzt, um sein eigenes Bier zu bezahlen, aber man merkt auch, dass es ihm früher, in der Politik, besser als uns allen zusammen gegangen ist.

Ein Schauspieler dessen Gesicht mir aus dem Fernsehen bekannt vorkommt dreht Tischrunden. Anscheinend sind wir in einem Artistenlokal gelandet. Der Ober bedient die meisten nur halbherzig; ich bin sicher, dass er von jedem Gast genau weiß, wie viel, beziehungsweise wie wenig Geld er hat. Alle, ohne Ausnahme, weisen ein riesiges Mitteilungsbedürfnis auf. Sie sprechen gleichzeitig, wie in Süditalien oder Griechenland. Es herrscht ein heilloses Durcheinander. Ich komme mir vor wie eine „Beichtmutter“, und diese Rolle gefällt mir nicht. Zu viele Schlüsselerlebnisse im Sekundentakt.

Die Erlösung kommt in Form eines heftigen Regenschauers. Ich bin froh, endlich nach Hause fahren zu dürfen. Wir nehmen ein Taxi und fahren zuerst zu Lauras neuer Wohnung. Endlich hat sie eine eigene Eigentumswohnung, und darauf ist sie mächtig stolz. Das kann ich gut nachempfinden; es erinnert mich daran, wie wohl ich mich fühlte, als ich mein Appartement gekauft hatte. Damals war es mein Ein und Alles. Ich hätte nie gedacht, dass ich mein „Nest“ irgendwann als bürokratisches Hindernis betrachten könnte, denn mittlerweile ist die Betreuung dieser vier Wände aus der Entfernung zu einer ziemlichen Herausforderung angewachsen.

Lauras Wohnung ähnelt meiner: 50 Quadratmeter im siebten Stock, dem Himmel nah. Es spielt keine Rolle, dass die Wohnung am Stadtrand in einer nicht gerade guten Wohngegend liegt. Aufgeregt ruft sie mich zum Balkon, um mir in kilometerweiter Entfernung das riesengroße, hellerleuchtete, mammutartige, nordkorreanisch anmutende Paradegebäude trauriger Erinnerungen zu zeigen. „Schau her, ich habe sogar Blick auf unseren Volkspalast!“. Tatsächlich fühle ich mich ertappt; unser „Big Diktator-Brother“ legte Wert darauf, jeden von uns immer gut ins Auge zu behalten. 

„Das Appartement ist sauber und ...hat Potential“ – versuche ich mich ganz vorsichtig auszudrücken. Im Klartezt: die Möbel fehlen fast vollständig. Vor dem Möbelkauf will sie erst das nötige Geld zusammen kratzen, um sich einen eigenen Wasserzähler zu leisten. Das sei im Moment erste Priorität. Sonst zahlt man sich dumm und dämlich für die Wasserpauschalen, denn die Rohre sind alt und undicht. Überall in der Stadt geht Wasser verloren, und auch das muss schließlich von jemandem bezahlt werden. Das tun dann die Ärmsten, die sich die teuren Wasserzähler nicht leisten können.

Ich gratuliere ihr ehrlich und freue mich für sie, doch sie sieht mich ungläubig an. „Nein, nein, Du brauchst dich nicht zu schämen. Der Rest wird schon kommen, Du hast den wichtigsten Schritt hinter Dir“ – versuche ich sie zu trösten, aber irgendwie macht meine Bemerkung alles noch schlimmer.

Am liebsten würde sie mich bei Ihr über die Nacht beherbergen. Die aufblasbare Matratze ist doch da! Früher hätte das mehr als gereicht. Doch ich sehne mich bereits nach der ausziehbaren Couch. Der bevorstehende Kummer läßt mir einfach nicht die nötige Ruhe, um eine lange Nacht in alten Erinnerungsgesprächen zu verbringen.

Tina bleibt bei ihr über Nacht, anscheinend nicht zum ersten mal. Bei mir kommt nicht einmal Neid auf. Die frühere Lust zum Feiern hat mich verlassen. Der verrückte Funken der aus verzweifeltem, prekärem Alltag in Bukarest entsteht, ist mir unmerklich abhanden gekommen.

Noch bevor ich ins Bett gehe, telefoniere ich mit meinem Mann, erzähle von meinen wenigen Fortschritten, versuche mich von der Enttäuschung zu erholen. „Mein sicherer Hafen/ das Prinzip Hoffnung/ ein Leuchtstreifen in der Nacht...“, würde Herbert Grönemeyer singen.

Nun mal ehrlich, was hatte ich überhaupt denn an diesem Tag erreicht? War das wirklich nötig, einen ganzen Tag zu opfern um mir einen Ausweis machen zu lassen? Wäre der Pass nicht doch ausreichend gewesen?

Noch vier Arbeitstage zur Verfügung. Der erste Tag ist ohne merklichen Erfolg vergangen.

 

 

Dienstag
Trostpflaster

 

Vor dem Bezirksrathaus steht ein uniformierter Beamter. Tina wird sofort erkannt und meine Akte prompt entgegengenommen. Während sich eine Angestellte um die Bearbeitung bemüht, macht die Standesamtleiterin mit uns beiden eine Zigarettenpause im Treppenhaus. Die Dame ist apart und elegant gekleidet, kaum zu glauben, daß ihr Monatsgehalt unter 200 Euro liegt. Dann höre ich meinen Namen laut durch die Gänge gerufen.

Ich trete ein und mein Gruß wird gar nicht erwidert. Rot vor Wut erklärt mir die Sachbearbeiterin, dass etwas mit meiner Apostille nicht stimmt. Auf Rat der Botschaft hatte ich in Deutschland all meine wichtigen Papiere gleich mit diesem aufwendigen Wachsstempel versehen lassen, damit sie problemlos im Ausland anerkannt werden. Doch die eine Dienststelle hatte das Wachs nach moderner Art, durch einen gleichwertigen Stempel in Relief ersetzt. Mir wird klar, daß dieser Brauch noch nicht nach Rumänien durchgedrungen ist.

Die Beamtin wird immer lauter, schreit mich hemmungslos an, als ob wir uns schon ewig kennen, meint, der grosse Chef hätte sie glatt rausgeschmissen, als sie versuchte, meine „gefälschten“ Papiere einfach nach oben auf den Haufen zu legen. Das ausgelassene, gezielte Gebrüll ist mir in den letzten Jahren so fremd geworden, dass ich jetzt praktisch stumm, wie gelähmt da stehe. Als gäbe es eine Aussprache unter den zwei Frauen, verläßt die eine das Büro, so dass ich alleine mit der Sachbearbeiterin bleibe. Ich schnappe nach Luft und erkläre so gut wie ich nur kann, daß der Inhalt der Apostille letztendlich durch aufmerksames Lesen des Begleittextes sofort den Bezug zur Hagener Konferenz nimmt, und dass es eine furchtbare Ungerechtigkeit wäre, wenn man diese Gleichwertigkeit nur wegen einer äußerlichen Erscheinung nicht anerkenne. Dann tue ich so als ob ich mich über die Papiere bücke und schiebe unter den Aktenstapel einen roten Hunderttausendschein, „für den Kaffee“. „Ich trinke lieber Tee“ kommt die gar nicht so überraschte Reaktion. Doch der Gesichtsausdruck der Beamtin entspannt sich allmählich. Dann verläßt sie immer noch beleidigt den Raum, um Ihrem Chef das Ganze noch einmal zu erklären. Ihr flüchtiges Lächeln, nach innen gerichtet, verrät mir, dass sie insgeheim einen kleinen internen Sieg über ihren mangelhaft informierten Vorgesetzten feiert!

Die augenblicklich verschwundene Kollegin ist prompt wieder da. Vielleicht war ihre kurze Abwesenheit nur ein reiner Zufall. Vielleicht auch nicht. Im Raum steht ein Wasserspender. Und ich stehe da, mit meinem vertrauten Durst. Die Plastikbecher sind verbraucht. Allerdings beweist die Kollegin Gastfreundschaft und reicht mir eine Kanne mit der Aufschrift „The Boss“. Tja, hätte ich gern...

Die Sachbearbeiterin kehrt zurück und teilt mir mit, daß der Stempel wirklich in Ordnung zu sein scheint (sag ich doch!). Daraufhin bitte ich um die Unterlagen und erkläre, dass ich mich aus Zeitgründen selber um die weiteren Wege kümmern möchte. Die Frauen meinen, es sei praktisch unmöglich, das Ganze so schnell zu erledigen. „Wenn sie das uns überlassen ist es in spätestens einem Monat erledigt. In drei Tagen hat das noch niemand geschafft“.

Also darf ich es versuchen. Voller Zuversicht geselle ich mich wieder zu Tina und verabschiede mich mit Dankeschön von Ihrer hilfsbereiten ehemaligen Kollegin. Nehmen wollte sie nichts von uns. Es sei nur ein Freundschaftsdienst gewesen, unter Kollegen, sagt sie und zwinkert dabei Tina zu. Diesmal habe ich aber das Bedürfnis, ihr meine Dankbarkeit zu zeigen. Ich erkläre ihr, dass ich genau weiß wie schlecht sie bezahlt wird, dass ich es ohnehin als OK empfinde und mich besser fühle, wenn ich selber die Bezahlung übernehme. Schließlich hat niemand hier etwas Verbotenes getan, außer dass es einfach schneller gegangen ist, und für mich war das wichtig. Am Ende nimmt sie doch meinen roten Geldschein entgegen. Der Weg zur Hölle ist nun mal mit lauter guten Absichten gepflastert...

Auf der Polizeistelle, die für meinen letzten Wohnsitz zuständig ist, soll die Änderung meines Familienstandes von ledig auf verheiratet durchgeführt werden. Ich bin beunruhigt, denn Tina hat mir bereits mitgeteilt, dass sich die Polizeistelle in Renovierung befindet. Aus diesem Grunde arbeitet sie zur Zeit nicht ganz so reibungslos, was so gut wie gar nicht heißen soll. Ich denke nur : «Na prima ! Wegen einer Renovierung fällt alles ins Wasser! »

Tina kann den Portier mit ein paar „Origami-Wertpapierfalten“ relativ schnell von der Dringlichkeit der Sache überzeugen und wird sofort durchgelassen. Allerdings kommt sie dann auch schnell enttäuscht wieder raus. Die Sachbearbeiterin hat sie regelrecht rausgeschmissen und auf die normale Bearbeitungszeit von ein paar Tagen hingewiesen.

Nun ist Schluss, ich bin am Verzweifeln. Tina verlangt diesmal einen grünen Geldschein (eine halbe Million), steckt ihn in ein gefaltetes Blatt und probiert es noch einmal. Aha, Origami, weiß Bescheid! Diese Vorgehensweise verhilft uns zu einem vagen Versprechen: die Sachbearbeiterin wird versuchen, sich die Akte anzuschauen, wenn sie Zeit hat. Wir sollen in etwa einer Stunde wieder vorbeischauen. In der Zwischenzeit wollen wir auf der Zentrale der Landespolizei versuchen, das Führungszeugnis zu erhalten.

***

Im Warteraum sitzt ein Mann in Begleitung eines behinderten Kindes. Der Kleine hat einen Wasserkopf, doch das hindert ihn nicht daran, mich andauernd aus dem Schoß seines Vaters mit einem süßen Lächeln zu beobachten.

An meine linke Seite setzt sich ein vornehmer Herr, gleich in der Nähe der Spiegeltür. Wahrscheinlich kann man uns von der anderen Seite beobachten. Auf unserer Seite ist ein junger Soldat postiert, der die Tür für Befugte aufmacht. Das ist seine Aufgabe, tagein, tagaus: die Tür auf und zu machen. Punkt.

Ich versuche, mich dem Zauber der magischen Tür zu entziehen und ziehe mich in einen toten Winkel zurück. Von da aus sieht man ein schmales Stück Straße. Die durchgerosteten Gitter am Fenster fallen mir sofort auf; sie passen zum modernen Gebäude ganz und gar nicht. Es ist offensichtlich, dass das Gebäude komplett renoviert wurde, aber die Gitter hat man irgendwie vergessen. Diese Beobachtung passt zum momentanen Zustand meiner Heimat: alles wurde befreit und demokratisiert, doch „jemand, da oben“  hat versäumt die Gitter zu entfernen.

Um das Ganze noch mehr zu toppen, ist ein großes Plakat an der Wand angebracht. Darin steht, daß laut Informationsgesetz, die Beamten verpflichtet seien uns über alles Mögliche zu informieren, solange es nicht ein Staatsgeheimnis ist. Jeder Bürger wird dazu ermutigt, auf sein Recht zu pochen.

«Hm, Recht haben und Recht kriegen» - schießt mir durch den Kopf. Doch an schießen will ich gar nicht denken; es ist nicht lange her, da wurde in und um genau dieses Gebäude Krieg geführt, und unschuldige Menschen wurden dabei erschossen. Das behinderte Kind lächelt mich noch einmal an und kuschelt sorgenfrei.  «Verhält sich wie ein normales Kind», fällt mir ein. „Wie meine kranke Heimat. Noch ein Schein, der trügt“.

Auf keinem Fall bin ich gewillt, die andere Seite der Glastür zu erkunden, doch  Tina schert nicht sich um meine Ängste. Fest entschlossen geht sie zum Portier und wird nach einem kurzen Gespräch durchgelassen. «Ich möchte gerne wissen, was sie denen alles erzählt». Oder vielleicht will ich das doch nicht?

Der vornehme Herr führt ein Gespräch mit einem sauber gekleideten Beamten. In Sekundenschnelle wechselt ein gefaltetes Papier den Besitzer. Ich kann deutlich erkennen, dass in dem „Paket“ eine grüne Geburtsurkunde und zwei rote Banknoten liegen. Schon wieder Origami . Sofort wird mir klar, daß der Herr genau das Doppelte an Geld geopfert hat wie ich. Nun ist mir kalt ums Herz und ich sehe es schon kommen: wahrscheinlich noch eine Absage, wegen zu niedrigem Einsatz.

Aber Tina kommt triumphierend in Begleitung eines freundlichen Herren zurück. In seinen Gesichtszügen erkenne ich gewisse Ähnlichkeit mit den Männern aus meiner Heimatgegend. Auf meine Frage, ob er aus Siebenbürgen stamme, gibt er überrascht zu, dass er aus einer nahe gelegenen Stadt kommt. Auch er hat das Gefühl von deja vu, doch die Zeit läßt uns keine Ruhe, um derlei Angelegenheiten weiter zu erforschen. Ich bedanke mich für das frische Führungszeugnis und verabschiede mich fast familiär.

 

***

Der neue Taxifahrer ist jung und riecht nach Alkohol. Er schläft im Auto, wir müssen ihn wecken um loszufahren. Am liebsten hätte ich den nächsten genommen, der hinter ihm parkte, aber man muß immer nur denjenigen bestellen, der gerade vorne steht. Die darauffolgende Fahrt wird ein wahres Abenteuer. Er fährt rücksichtslos bei rot über die Kreuzungen und nimmt sogar die Straßenbahnschienen für eine Abkürzung. Die auf uns zusteuernde Straßenbahn scheint ihn nicht zu interessieren. In letzter Sekunde weicht er in eine Lücke zwischen zwei Autos in der rechten Schlange aus und dreht den Kopf gleichgültig weg. Der Straßenbahnfahrer flucht nutzlos. Tina schreit den Taxifahrer hemmungslos an. Meine Zähne sind fest ineinander verankert und ich kann keinen Ton von mir geben. Mir fällt sowieso nichts brauchbares für diesen Moment ein. Diese Fahrweise kommt mir bekannt vor, aus furchtbar entfernten Zeiten...

Sobald wir vor dem Amt für Staatsangehörigkeit aussteigen, fragt er ob er warten soll. In diesem Augenblick platzt Tina gefährlich vor Wut, und sie fängt an, ihm die Leviten zu lesen „Siehst Du nicht, wie betrunken du bist? Verdammt noch mal, geh nach Hause und schlaf dich aus. Du weißt ja nicht einmal mehr wie du heißt!“. Und dann zu mir „Wage es nicht, den zu bezahlen!“. Doch ich hatte es mir anders überlegt, bin froh, dass wir ihn los sind, denn er hat schon eine drohende Haltung eingenommen und  ist gar kein kleiner Mensch. Also gebe ich ihm sogar mehr als der Zähler zeigt.  Der Typ macht es sich hinter dem Steuer bequem. Ich höre ihn noch hinter uns, wie er giftig zwischen die Zähne zischt: “dumme Kuh“. Ich nehme an, ich war nicht gemeint. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Einwohner dieser Stadt allesamt wie eine einzige, große Familie miteinander verkehren.

Vor dem Amt für Staatsangehörigkeit  breitet sich eine lange Schlange wartender Menschen aus. Viele sitzen an der Seite, einige haben sogar ihre Autos als Unterschlupf und Übernachtungsmöglichkeit mit, damit sie Ihre Stelle an der Schlange durchgehend verteidigen können. Viele dieser Autos sind in Gegenden registriert, die hunderte von Kilometern weit weg liegen.

Ich merke, dass es mehrere Menschen gibt, die, ähnlich wie ich, unter der Bürokratie zu leiden haben, doch das bewirkt keineswegs Erleichterung. Es kommt höchstens Mitleid und Wut hoch. Selbst wenn ich in einem Zelt vor dem Tor übernachten würde, wäre ich nie und nimmer bis Ende der Woche dran. Jetzt ist es endgültig vorbei!

«Um so besser, wenn ich endlich nach Hause darf» - schimmert schon die nächste Hoffnung durch. Und dann überlege ich, wen ich mit der Erledigung meiner Angelegenheit beauftragen könnte. Doch wer nimmt so etwas freiwillig auf sich zu? Wo finde ich einen anständigen Anwalt?

Tina übernimmt wieder die Regie und erklärt mir, daß all diese Leute wahrscheinlich für andere Probleme hier warten. Ehrlich gesagt, bis heute glaube ich das nicht so ganz. Ich weiss, dass sie lügt und tue trotzdem so als ob ich es glaube.

Tina spricht fortwährend weiter an meinem Ohr vorbei und erklärt mir etwas über Bürger Moldaviens, die alle mit gefälschten rumänischen Pässen in Europa unterwegs seien. Angeblich hätte die EU aus diesem Grunde eine härtere Vorgehensweise mit der Staatsangehörigkeit in Rumänien verordnet. Und dieses Chaos soll das Resultat sein. Jedoch verstehe ich bis heute nicht, was das Ganze mit meinem Fall zu tun haben soll.

Wie dem auch sei, Tina geht unbeirrt auf den Polizeibeamten zu und fängt eine betont laute Unterhaltung mit ihm an. Er packt sie sogar zwei mal an der Taille und ihre Augen funken erregt zurück. Ich werde rot vor Scham und widme mich unauffällig dem Glaskasten mit den offiziellen Benachrichtigungen. Inzwischen ist Tina genau so unauffällig schon drinnen. Mir fällt ein, dass sie sich gegenüber fast jedem Menschen so verhält, als ob sie alle schon seit Ewigkeiten kennt. Ihr Mut und Trotz sind beneidenswert, etwas was ich nicht besitze. Eigenschaften wie von einem anderen Planeten. Eins ist klar: ohne sie wäre ich chancenlos. Was nochmal suche ich hier?

Draußen vor dem Tor hängen Listen der benötigten Papiere. Die für meinen Vorgang kenne ich schon bald auswendig, aus dem Internet und von der Botschaft. Ich werfe also rein beiläufig noch einen Blick darauf und erlebe mein blaues Wunder, denn, siehe da, die Liste hat inzwischen „zugenommen“! Erst seit ein paar Wochen wird ein zusätzlicher Bescheid vom Finanzamt verlangt.

Von der mittlerweile noch aussichtsloseren Lage betäubt, bricht in meinem Herz etwas auseinander und Tränen steigen mir in die Augen. «Das kann doch wohl nicht wahr sein! Es ist so grotesk, das wird mir kein Mensch glauben!» – ist mein stummer Protest. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich noch einer Möglichkeit zu erkundigen, wie um Himmels Willen man zu diesem Papier kommt!

Tina hingegen kommt strahlend wie ein Honigkuchenpferd heraus und meint, sie hätte alles gelöst. Schlecht gelaunt frage ich, was sie unter „alles“ versteht. Es sei für mich Platz und Zeit gemacht worden, und zwar Punkt zehn Uhr morgens, am nächsten Tag. Die Frau General höchstpersönlich würde meine Akte prüfen und in Bearbeitung geben. Auf meine Bemerkung, daß ich ja noch nicht einmal die Hälfte der Akte besitze, erwidert Tina: “Das kann man immer noch später vorbeibringen“. Jetzt kriege ich einen Schreianfall: „Ich muß doch morgen erst zum Finanzamt gehen. Ich bin nicht da, um einen Anfang zu schaffen, sondern um ein Ende zu machen! Glaubst Du, ich kann im nächsten Jahr einen Pendeldienst mit Lufthansa nach Rumänien aushandeln?!“.

Tina hört mir gar nicht zu. Sie strahlt weiter voller Erfolgsbewusstsein. Wahrscheinlich bemitleidet sie mich sogar und versteht nicht wieso ich mein großes Glück nicht begreife.

In vollkommener Stille fahren wir zurück zur Polizeistation. Hier dürfen wir noch eine halbe Stunde vor der Tür zittern, da die zuständige Dame uns ausrichten läßt, dass sie gar nicht da sei. Dabei können wir sie deutlich durch das Fenster beim Kaffee trinken beobachten. Die Zeit läuft uns schmerzlich durch die Finger davon, wohl wissend, dass unser Rennen gegen Mittag aufhören wird, denn ab 15 Uhr machen alle Behörden Feierabend.

Der ewige Durst gibt mir weiter keine Ruhe, also versuche ich schnell, mir eine Flasche Wasser auf der Bushaltestelle zu kaufen. „Den kann ich leider nicht wechseln“ – sagt die Verkäuferin zu mir und reicht mir meine halbe Million zurück. Also doch kein Wasser. Dabei hatte ich heimlich gehofft, den großen grünen Schein in „Rötlinge“ zu verwandeln, denn Tina schmeißt mittlerweile mit ihrem eigenen Geld um sich, weil ich nur noch „Grünlinge“ besitze.  Ich hoffe auch, auf der Post die nötigen Dienstmarken zu besorgen, doch da finde ich alles zu. Ein Zettel an der Tür informiert, dass die Post renoviert wird und gibt die nächste Adresse bekannt. Anscheinend hat sich die ganze Stadt im Monat Juli zum Renovieren eingerichtet. Vor der Tür steht ein junges Mädchen und fragt mich ratlos, ob ich wüsste, wie man dahin gelange. Dabei dachte ich, dass auf meiner Stirn ganz deutlich die Aufschrift „Die Dame ist nicht von da” zu erkennen ist! Aber es ist eher umgekehrt: um so verwirrter man aussieht, desto stärker wird angenommen, dass man einheimisch ist. Verwirrtheit ist sozusagen der normale Zustand vor Ort.

             

Ein paar Hunderte Meter weiter in einem Lebensmittelladen besorge ich mir Wasser und Wechselgeld und hinterlasse einer überraschten Verkäuferin eine Menge Münzen. Doch die Flasche will nicht aufgehen. Mittlerweile empfinde ich mich selbst als dermaßen pathetisch und hoffnungslos, dass ich bald lachen muss. Von wegen Mäuse melken; dann hätte ich zumindest was zum trinken. Duuurst!

 Ich muss wohl aus der Übung mit den robusten rumänischen Plastikdeckeln gekommen sein. Ein netter Passant macht sie mir ohne sichtliche Mühe auf. Das kostbare Wasser tropft mir teilweise vom Kinn, während mich der Passant verblüfft anschaut. Ob ich wie eines dieser armen großbäuchigen Sahelkinder aus dem Fernsehen aussehe? In Rumänien erzählte man früher über diese Kinder Anekdoten, wonach sie vor den UNESCO Konservendosen hungerten, weil sie nicht wussten, wie man die aufkriegt. Und das nur weil es uns ein bisschen besser ging, denn wir kannten die Blechdosen. Und den Hunger auch. Viel mehr als Ölsardinen konnte man manchmal sowieso nicht kaufen, und eine Presswurst aus Soja, die damals als Zumutung galt und heute zum modischen Ernährungshit avanciert ist. Makaber, wie konnte ich früher über Hungernde lachen? In Sachen Humor habe ich meinen Pass schon längst abgegeben.

Inzwischen hat Tina die Dame von der Polizeistation um einen Stempeldruck ärmer gemacht. Der versiegelte Umschlag ist wieder in unseren Händen. Die Mittagszeit ist mit sichtlichem Erfolg erreicht und ich will nicht wissen, wie Tina das alles geschafft hatte. Bin glücklich, noch einen Schritt weiter.

Wegen dem neuen Bescheid, den ich laut neuesten Verordnungen besorgen muss, fahren wir noch schnell zum Finanzamt. Die Eingangstür wird gerade abgeriegelt und wir irren wie Asterix und Obelix von einem Gebäude zum anderen, auf der Suche nach unserem Ziel. Ein netter Beamte kommt auf dem Hof freiwillig auf uns kopflose Hühner zu und versucht zu helfen. Tina spricht ihn frech an, als ob er uns Rechenschaft schulde und verlangt nach Auskunft (nein, sie besteht darauf). Höflich gibt er uns zu verstehen, dass die eine Bescheinigung von ihm selbst ausgestellt werden kann, wenn wir so nett sind, am nächsten Tag aufzutauchen. Die andere Urkunde ist allerdings auf dem Bezirksamt zu beantragen. Er gibt uns die Adresse.

 Auf einer anderen Post, die nicht gerade renoviert wird, kaufe ich die notwendigen Dienstmarken in Wert von umgerechnet 0,50 Euro (!). Der neue Taxifahrer ist grob und laut, doch Tina genießt seine zweideutige Unterhaltung. Das Gespräch gleicht einem Tischtennismatch; eine Anreihung persönlicher Angriffe. So sehr ich mich bemühe, kann ich dem Sinn nicht folgen. Mein Gefühl sagt mir, dass sie zanken, aber ich bin mir nicht sicher....

   Beim Aussteigen verrät Tina: „bei dem hätten wir auch umsonst fahren können und er hätte auf uns bis zum Ende gewartet, wenn wir nur gewollt hätten“. Ich verstehe immer noch nicht, was wir genau hätten wollen müssen.

 

***

Das Gebäude der Hauptstadtpolizei ist von dicken Mauern umringt. Früher durfte man nicht einmal auf der selben Straßenseite spazieren. Überwacht von allen Ecken ist es immer noch. In meinen schlimmsten Träumen hätte ich nie gedacht, dass ich irgendwann da rein müsste. All die geheimnisvollen Sachen die sich bis in die Neunziger da drinnen abgespielt haben, will ich bis heute gar nicht wissen.

Junge Angestellte verlassen schon das Gebäude. Tina macht Tempo und schiebt mich die Treppen hoch, denn alle Zeichen deuten auf Feierabend. Am liebsten würde ich mich auf den Boden setzen und warten, so unendlich müde wie ich mich fühle. Meine Füße schmerzen, an meinen Zehen haften Blasen, ausgerechnet mein bequemstes Sandalenpaar hat versagt. Schuhe für diese Stadt hat man noch nicht erfunden. Aber Tina braucht mich anscheinend, um mich wie ein seltenes Exemplar durch die Gänge zu führen und vorzuzeigen.

Die Erinnerung an eine Filmszene, die auf diesen Treppen gedreht wurde drängt sich in meinem Kopf vor. Ein junger Arzt wird aus politischen Gründen festgenommen und die Treppe hoch geführt. Doch seine Frau, eine in Paris studierte Lehrerin, die aus Liebe zur Heimat zurückgekehrt ist, will ihn unbedingt besuchen. Sie wird an den Treppen angehalten. Voller Wut setzt sie sich auf den Gehsteig und fängt an, mit Kreide auf dem Asphalt zu schreiben: „Hungerstrei...“. Das Wort bleibt unvollendet, denn tüchtige Beamten packen sie an den Armen und zerren sie hinein. Dann stellen sie sie gegen eine Mauer und richten einen Wasserstrahl mit Hochdruck auf ihren Körper. „Hier haste was du wolltest, du dumme Nuss! Wolltest rein, jetzt bist du drin“. Die brutale Erinnerung bringt mich zum Schaudern. Dabei ist das gar nicht mein Trauma. Wessen Angst überkommt mich überhaupt? Habe ich unbewusst etwas verdrängt?

Tina lacht mich aus. „Vergiss die Vergangenheit. Ich habe hier ganz normal gearbeitet. Es sind Menschen wie Du und ich. Die Zeiten haben sich verändert“.

Drinnen verspüre ich beinahe Rachelust, weil sie sich mit fast jedem, der uns entgegen kommt, vorerst ausgiebig unterhalten muss, Bussis als Begrüßungsritual inklusive. Die Zeit läuft uns immer noch schmerzlich davon und sie nimmt davon keine Notiz. Entweder hat sie starke Nerven oder sie ist schlicht und einfach verantwortungslos, wahrscheinlich schon längst durchgedreht. Langsam beginnt ihre bisher sympathische Leichtigkeit, mich zu nerven.

Es ist dunkel; die Wände, in Augenhöhe mit grüner Ölfarbe gestrichen, sind feucht. Diese grüne Ölfarbe war in allen Sozialbauten so stark verbreitet, dass wir es nur noch „Mietergrün“ nannten. In diesem Gebäude wurde mit Sicherheit seit Vorwendezeiten nicht renoviert (ausnahmsweise, denn sonst sind fast überall die Spuren der dunklen Diktatur verwischt). Kein Geld für die Polizei, weil hier noch nicht klar ist, ob das wirklich unser „Freund und Helfer“ ist. Gespenstisch,  schon längst überfällig, blinken die Leuchtröhren. Wie war das nochmal mit „es werde Licht“? Vermutlich bleibt man hier lieber im Schatten verborgen.

Eine enge Treppe mit weich abgerundeten Kanten führt uns in die oberen Etagen. Wessen Schuhsohlen haben diese Treppe geschliffen? Auch die Träger dieser Schuhe waren Heimat. Am Ziel angelangt, in der obersten Etage, sucht Tina nach ihrer früheren Vorgesetzten, die unsere Papiere stempeln soll. In einer Ecke auf dem Flur steht ein alter Tisch mit einer Konservendose als Aschenbecher, worauf ich mich spontan entscheide, hier mein Hauptquartier einzurichten. Also lasse ich mich auf den einzigen, klapprigen Stuhl  fallen und genieße das bisschen Licht, welches durch das einzige Fenster aus dem Luftschacht durchdringt. Es riecht abgestanden. Habe ich meine Pflichten auch abgestanden? Oder irgend etwas gestanden?

Tina stellt mich ihrer Ex-Vorgesetzten vor. Die ältere Dame ist erstaunlich nett und lädt mich in ihr Büro ein. Nein, ich bleibe lieber draußen. Wieso denn nicht?  „Ich habe Angst“. „Komm, mach Dich nicht lächerlich!“ – antwortet sie, „Früher haben wir ab und zu noch Menschen gefressen aber das ist jetzt lange her“ scherzen sie. Mir liegt die nächste Frage schon auf der Zunge - „Und was essen sie jetzt?“ - doch sie bleibt mir im Hals stecken. Zum Glück. Schließlich ist sie hilfsbereit. Wir wollen mein Anliegen nicht auf den letzten Metern zum Scheitern bringen. Mein Wunsch, auf dem Gang zu bleiben wird dann doch respektiert.

Wo sind hier die Toiletten? „Da kannst Du aber nicht alleine hin“ – sagt die Chefin. Wieso kann ich nicht alleine? Bin ja schon ein großes Mädchen. Sie begleitet mich auf einen Nachbargang. Na klar, weil die Tür von innen nicht schließt. Seit meiner Studiumszeit habe ich so ein WC nicht mehr gesehen. Soll ich mich jetzt nostalgisch freuen? Um die Klomuschel verbreitet sich eine Wasserlache (ich will hoffen, daß es Wasser ist...). Zum Ziehen ist ein Draht an den Wasserbehälter angebracht, die Wände sind nicht gerade sauber. Es gibt kein Papier. Natürlich habe ich Tempotaschentücher dabei; schon in meinem Gepäck aus dem Ausland mitgebracht. „Mach ruhig. Ich passe solange auf“ – versichert mir die nette Dame, die ich erst seit fünf Minuten kenne. Alles ist ein bisschen schräg, so absurd und unglaublich, aber heißt es nicht „ein bisschen schief, hat Gott lieb“? 

Durch den offenen Spalt der Tür unterhalten wir uns über Tina. Während ich mich erleichtere, berichtet die Frau vor meiner Klotür über Tinas Scheidung und von ihrer emotionalen Labilität. Nun darf sie nicht einmal ihre zwei Söhne mehr besuchen. Der Mann soll sie wegen einer jüngeren „Intellektuellen“ verlassen haben. Sie steckt in finanziellen Nöten; sogar ihre Ringe sind verpfändet. Ich meine, einen spöttischen Unterton beim Wort „Intellektuelle“ in der Stimme der Vorgesetzten zu hören. Der zweideutige Slogan, der bei den brutalen Bergarbeitern viel Anklang fand, „wir arbeiten, wir denken nicht“, schießt mir unwillkürlich durch den Kopf. Im Gegenzug erzähle ich wie beeindruckt ich von Tinas Hilfe bin. Alles was ich mir im Augenblick noch wünsche ist, so schnell wie möglich, das Ganze hinter mir zu haben und irgendwo an einem ruhigen Plätzchen zu vergessen.

Schnell wird die noch höhere Vorgesetzte gesucht, um meinen Papieren den letzten Schliff zu geben. Zum Glück stehen unsere Chancen gut, denn die große Chefin arbeitet immer spät. Plötzlich dringen die hohen Töne einer eifrigen Unterhaltung zu mir auf dem Flur durch.  „Oh Gott, mach dass sie nicht rausgeworfen werden. Ich hoffe, das sind keine Schimpfworte“,  zünde mir wiederholt eine Zigarette an und mache mich ganz klein und unauffällig. Sonst rauche ich nur noch gelegentlich abends, ab und zu auf ein Gläschen, aber hier brauche ich das.

„Das waren Freudensschreie, Du Dummerchen! Was glaubst Du wie lange wir uns nicht gesehen haben?!“ – beruhigt mich Tina und steht schon wieder strahlend vor mir da. Ihre Augen glänzen gefährlich. Ich habe das Gefühl, diese Erfolgssträhne, die sie mit Lichtgeschwindigkeit durchquert, versetzt ihr einen euphorischen Schub.

Mit dem wertvollen Umschlag in der Hand, schwebe ich geradezu aus dem Gebäude. Tina hat es eilig, wieder zurück zu ihrer Arbeit zu fahren um noch vor Feierabend ihren Anwesenheitsstempel zu organisieren. In einem Treppenhaus, wahrhaftig zwischen Tür und Angel, überreiche ich ihr nicht ohne Schwierigkeiten einen Stapel Geld. Erst versteht sie gar nicht was los ist, dann bricht sie in Tränen aus und will es nicht nehmen.  Ich vermute, so viel Geld auf einmal hat sie seit langem nicht gesehen. Für mich ist es immer noch nur ein Teil von dem was ich für meine Angelegenheit eingeplant habe. Danach begleite ich sie zum Trolleybus und stecke ihr sogar noch einen meiner Fahrscheine ein. Wie in Trance setzt sie sich hin, die Türen schließen und er fährt mit ihr los. Ihr Blick bleibt noch für eine Weile irgendwie flehend an mir kleben.

***

Mein erstes Ziel, ohne Tinas tröstende Begleitung, heißt : Sparkasse Nr. 2. In meinen Unterlagen wird ausdrücklich darum gebeten, nur auf dieser Filiale die Konsulargebühr einzuzahlen. Also tausche ich den entsprechenden Betrag in rumänischer Währung um, gehe zielbewußt zur genannten Adresse und ... finde sie nicht. Nebenan im Lottoladen erklärt mir eine mütterliche Tante, die Stelle sei seit zwei Monaten nicht mehr in Betrieb. Niemand weiß, wohin sie umgezogen ist. Nun bin ich wie die tragische Figur der Witwe, aus der bekannten rumänischen Erzählung, die durch langsame Befragung beliebiger Passanten, Schritt für Schritt herausfindet, wo ihr Mann verschwunden ist. Am Ende ist er dann auch tatsächlich schon lange tot.

Wieso weiß keiner auf der Paßstelle von der Umsiedlung?! Wie war das nochmal mit dem Plakat über mein Recht auf Information? Na ja, eigentlich bin ich ja auch informiert worden. Nur leider falsch. Auf dem Plakat stand auch nichts von einer zwingenden Echtheit der gelieferten Informationen.

Solche Grübeleien sind im Grunde nichts anderes als verschwendete Energie. Ich schleppe mich lieber weiter zur zentralen Sparkasse.  Die müssen doch wissen, wo ihre Filiale geblieben ist. Auf dem Weg dahin kaufe ich mir noch eine Cola, etwas anders gibt es nicht auf die schnelle. Meine Unkenntnis in Sachen „moderne Erfrischungsgetränke“ macht sich schon beim Aufmachen bemerkbar. Die Bluse ist patschnass und der Inhalt schmeckt verdächtig nach Chemie. Bin auf eine billige Nachahmung reingefallen. War ja klar, für umgerechnet zehn Cents. 

An einem Notarschild vorbeitorkelnd, fallen mir die beglaubigten Kopien ein. Im Innenhof hängt Wäsche, aber auch sauber gespülte Plastiktüten vom Supermarkt an den Leinen.  Über eine dunkle Treppe gelange ich ins Büro. Der Weg dahin erinnert an Hollywoodinszenierungen, mit gut versteckten Shamanen, die über einen Gassenlabyrinth in Chinatown zu finden sind. Nach seriösem Notar sieht das hier allerdings nicht aus.

Wie gut, dass der Schein trügt! Nachdem die starke Eisentür überraschend sanft hinter mir schließt, befinde ich mich in einem sauberen, modernen Geschäftsraum, wie man ihn von außen gar nicht vermutet hätte (sag ich doch, wie in diesen Filmen mit Steven Seagal). Eine junge Sekretärin nimmt meine Papiere entgegen und fertigt bereitwillig eine Erklärung aus, wonach ich auf eigene Verantwortung bestätige, keine Schulden an rumänische Behörden oder Privatpersonen zu haben. „Adresse?“ – fragt sie routiniert und schaut professionell über den Brillenrahmen. Der prüfende Blick bleibt geduldig an meinem Colafleck auf der Brust hängen. «Gebe ich jetzt diese Lachnummer von Adresse an, die mir gestern auf dem Ausweis gewachsen ist oder bleibe ich lieber bei der wahren im Ausland?» Welch Schande, nun weiß ich wirklich nicht mehr wo ich hingehöre! All meine Bemühungen können durch solch einen kleinen Formfehler möglicherweise nichtig gemacht werden. Also bitte ich um zwei Ausfertigungen, einmal für mein „einheimisches Ich“ und einmal für mein „wahres Ich“ (oder auch umgekehrt, der liebe Gott wird es wohl besser wissen). Etwas verunsichert macht mich die Sekretärin darauf aufmerksam, dass ich in diesem Falle die doppelte Gebühr bezahlen muss, womit ich natürlich vollkommen einverstanden bin.

Die Notarin empfängt mich auf der Stelle. Verblüfft stelle ich fest wie jung sie ist. Etwa in meinem Alter. Ist sie zu jung oder bin ich mittlerweile zu alt? Einer meiner Bekannten aus der Schweiz hat schon mal bemerkt, dass er immer wieder gern beobachtet, wie die rumänischen Frauen am schnellsten die Möglichkeiten der frischen Demokratie erkennen und aufbauen. „Die Zukunft dieses Landes wird von den Frauen bestimmt“ – hat er damals prophezeit. Nun, zumindest in meinen Angelegenheiten hat er scheinbar recht; bisher habe ich meine Arbeit fast ausschließlich mit Frauen gemacht. Schließlich ist hier die Gleichberechtigung schon immer selbstverständlich gewesen; Frauen haben schon immer gearbeitet. Hausfrauendasein und Halbtagsjobs haben hierzulande keine Tradition.

Voller Freude verlasse ich das Notarbüro, doch genau nach fünfzig Meter ist meine Stimmung gleich wieder im Eimer. Da sitzt eine junge Zigeunerin im Schneidersitz vor der Treppe, ihr behindertes Kind auf dem Arm. Keine unbekannte Gestalt. Meistens benutzen sie ihre Kinder nur, um die Passanten zu sensibilisieren und kaufen sich mit dem ergatterten Geld leider kein Brot, sondern Alkohol. Ich halte mich für schlau und gebe ihr kein Geld, sondern möchte ihr ein Schnippchen schlagen, um zu beweisen, dass sie nicht aus Hunger- sondern aus Drogensucht bettelt. Also reiche ich ihr die unerwünschte Colaflasche und freue mich über die einmalige Lösung zur Müllentsorgung, denn Mülleimer sind immer noch nicht überall selbstverständlich. Anstatt einer kräftigen Schimpftirade, auf die ich tapfer vorbereitet war (endlich hätte ich eine Gelegenheit, meinem Frust unbestraft richtig Luft zu machen!) greift sie sich die Dose geradezu gierig und reicht sie sofort dem mageren Kind. Während das Kind durstig trinkt, überschüttet sie mich mit Dankesworte und wünscht mir Gottes Segen. Hätte ich jetzt die Cola dem Kind wegreißen müssen, weil das für kleine Kinder ungesund ist?  Statt dessen schäme ich mich für meine fehlerhafte Einschätzung. Von wegen vorgetäuschter Not! Anscheinend sind wirklich auch hier die Ärmsten noch ärmer geworden. Die Marktwirtschaft funktioniert also doch.

Kleiner Trost zum kapitalistischen Erfrischungsgetränk: hat immerhin jede Menge Kalorien. Was soll’s wenn die nicht rein natürlich sind? Es gibt Gift auch als reines Naturpräparat, schließlich können wir uns mit Vogelbeeren genau so gut vergiften. Man denke nur an Sokrates letzten Drink. Sokrates war ein schlauer Mensch, er wusste, Schweigen zu schätzen.

***

Die Zentralsparkasse hat noch auf. Wie üblich steht man Schlange vor den meisten Schaltern. Aber ich habe gestern etwas gelernt: nur die Schalter, die Geld ausgeben sind überfüllt. Für meine Angelegenheit wartet tatsächlich niemand. Eine nette Angestellte hört sich meine Geschichte aufmerksam an und meint sie könne schon mein Geld entgegen nehmen. Allerdings ist sie nicht sicher, ob das Außenministerium Ihren Beleg anerkennen wird. Da ich nicht mit Macht meine 159 Euro loswerden will, nehme ich mir vor, auf der zuständigen Stelle noch einmal genau nachzufragen, wo ich das am besten bezahlen kann. Und ich gehe leer aus, beziehungsweise voll, den meine Taschen sind nicht leichter.

Am Ende meiner Kräfte, lasse ich mich in einem Taxi auf dem Beifahrersitz nieder und nehme den Weg zum Bundesanzeiger. Mein Anliegen wird irgendwann später im offiziellen Blatt publiziert. Für den Fall, dass jemand etwas dagegen hätte, wer immer das auch sein mag, denn ehrlich gesagt kenne ich niemanden der den Bundesanzeiger liest, um seine Feinde zu enttarnen. Außerdem habe ich keine Feinde, glaube ich. Die Kosten für die Veröffentlichung muss ich trotzdem im voraus bezahlen, was auch OK ist, denn das sind nur ein paar Euro.

Da ich beim Aussuchen des Taxis nicht wählerisch genug bin, lande ich in einer Dacia. Das ist die rumänische Version eines dreissig Jahre alten Renaultmodells. Es ist zu spät, um meinen Fehler zu korrigieren. Aufrecht wie auf einem Barhocker sitze ich da und mein Kinn wackelt im Rhythmus der Straßenunebenheiten, genau wie bei diesen Schaukeltieren, die hinter der Heckscheibe ständig grüßen.

Der Fahrer ist ein alter Hase: angeblich ist der Kilometerzähler kaputt. Der absurde Kuhhandel geht automatisch los: „Wohin?“ – fragt er. Ich sofort „Was kostet?“. Er wieder: „Kommt drauf an, wo wir hinfahren“. Ich wieder: „Na kommt drauf an, ob das Geld solange reicht“. „Komm Fräulein, wir kriegen das schon hin“ – macht er ein großzügiges Angebot... usw.

Am Ende sind wir uns einig und ich werde sogar mit der speziellen Gratiskonversation extra beschenkt. Bis zum Sitz des Bundesanzeigers („um diese Zeit haben die sicher schon geschlossen, aber wenn sie meinen...“ – bemerkt er) erzählt er mir, wie froh er ist, seit elf Jahren als Taxifahrer noch etwas Geld dazu zu verdienen. Gleich nach der Wende hat „seine“ Fabrik die Tore geschlossen, und er fand als Meister keine Arbeit mehr. Mittlerweile zählen einige hohe Persönlichkeiten zu seinen Kunden, was ich beim näheren Betrachten seine Gefährts eher bezweifele. Als ob jemand meine Gedanken gelesen hätte, klingelt sein Handy. Auch hierzulande hat fast jeder ein Handy. Das mit der Armut sollte man also lieber nicht ganz so dramatisch nehmen.

Nachdem er einen Termin für den nächsten Morgen am Flughafen ausmacht, erklärt er mir, es handele sich um „die Frau Direktorin aus de Ministerium“ («Schon wieder eine Frau», denke ich). „Die Armen fliegen jetzt von Mallorca ab und sind erst morgen in der Früh da, die werden müde sein!“ – erklärt er voller Mitleid, aber auch nicht ohne Schadenfreude. «Na ja, ist normal wenn man sich schon einen Urlaub in solcher Entfernung leisten kann», überlege ich sachlich und träume schon wieder von meinem Haus in Spanien. Nein, keine Sandburg am Strand, mein richtiges Haus ist weiß und hat einen kleinen Pool, mit Palmen im Garten und... Oh ha, seufz.... Dem Fahrer sage ich natürlich nichts davon. Dann erklärt er mir, daß am Flughafen eine ganze Bande von Taxifahrer operiere, die künstlich die Preise hochtreiben und jeden fremden Fahrer davon jagen. Normalerweise wartet er am Flughafen um die Ecke; die paar Schritte machen dann seine Privatkunden schon alleine. Gut so! Als ob ich das nicht wüsste, bin ja selber mehrmals Opfer gewesen. Einer wollte sogar unser Gepäck behalten. Aber erneut schlucke ich meine Worte runter.

Dann erzählt er mir von den alten Zeiten, als man kaum etwas zu essen kriegte (kenne ich auch). Er hatte aber Glück, denn sein Schwager arbeitete auf dem zentralen Schlachthof – der Traumarbeitsplatz schlechthin, wer hätte das gedacht?! -  und brachte immer frisches Fleisch nach Hause. Seine Tochter hat jeden Tag ein Stück Fleisch in Ihre Stulle auf der Schule mitgehabt. „Die anderen Kindern haben dann geschaut und waren neidisch wie die wilden. Ja, ein großes Glück hatten wir... Auf irgend einer Art und Weise sind wir damals alle durchgekommen; fast jeder hatte eine Beziehung irgendwo oder zumindest Eltern auf dem Lande... “ Ich weiß, ich gebe zu, ich gehörte zur letzten Art, die mit den Eltern auf dem Lande. Dann stelle ich mir seine Tochter vor, wie sie von den vielen Kindern auf dem Schulhof wegrennt, ihre kostbare Stulle fest in der Hand haltend...Zu meiner Schulzeit nutzten viele Kollegen Mateis Gutmütigkeit, um ihm regelmäßig seine Sandwiches zu klauen. Doch er wusste sich zu helfen: vor unseren Augen machte er sie auf, spuckte zwischen die Brotscheiben und reichte sie uns dann höhnisch. Keiner wollte seine Stullen mehr.

„Ich bin der Fleischspezialist. Am schönsten ist das Frühstück am Sonntag, für die ganze Familie“ sagt er dann. „Sie grillen zum Frühstück?“ – frage ich erstaunt. „Natürlich. Ich mag gutes Essen. Es muss nicht viel sein, dafür aber gut. Wissen Sie, bei uns ist das wie eine Art Ritual“, antwortet er.

Und dann sind wir da. Der Bundesanzeiger hat schon geschlossen. „Machen Sie sich keine Sorgen Fräulein, gehen Sie ruhig, ich warte hier“ – schickt mich der Taxifahrer vor. Er parkt in zweiter Reihe unter den Augen eines Polizisten, der sich nicht sonderlich darum schert. Vor dem Eingang steht ein Sicherheitsbeamter, der mich interessiert im Auge behält. Vielleicht denkt er ich will eine Bombe legen, so katzenhaft wie ich mich durch die Gegend schleiche. Zumindest kann ich mir die Öffnungszeiten für morgen merken.

„Meine Spezialität sind Enteneier. So ein Omelett hast Du noch nie in Deinem Leben gegessen“ – springt der Taxifahrer ganz natürlich zum Duzen hinüber. „Pass auf. Ich erzähle Dir das Geheimnis. So wird das gemacht.“ Und dann muss ich mir die ganzen Details anhören. Dabei verspüre ich so einen heftigen Hunger, daß ich Ihn am liebsten auf der Stelle den Mund verbieten möchte.

Am Haus meiner Freunde angelangt, bin ich gedanklich dermaßen auf deren Kühlschrank fixiert, dass ich dem Fahrer wesentlich mehr als den mühsam ausgehandelten Betrag bezahle. Auch heute höre ich noch seine gut gemeinten Ratschläge hinter mir hallen: „Essen sie abends lieber keine Eier, sonst gibt es schlechte Träume“.

Von Frau Kücklein mit gutem Essen rundum versorgt komme ich langsam wieder zu mir. Valentin schnappt sich von seiner Oma den Satz „Du solltest jetzt ein bisschen schlafen“ und serviert ihn mir voller Mitgefühl, zusammen mit seinem Lieblingskuscheltier. Mit dem Stoffhasen auf dem Arm gleite ich in erholsames Vergessen.

 

***

Bei Rosa und Matei´s Heimkehr bin ich schon wieder wach und versuche, ihnen meinen chaotischen Tag zu schildern. Obwohl beide in dieser Stadt schon längst zu Hause sind, hören sie sich verblüfft die Geschichten an, die aus der dunklen Vergangenheit zu kommen scheinen. Sie sind der Meinung, es sei schon drollig, dass ich aus der Entfernung kommen musste, um diese längst vergessenen Sachen wieder ans Licht zu befördern. So drollig finden wir es danach doch nicht mehr, sobald das Gespräch auf die dunkle Polizeistation kommt und Rosa sich an die unmenschliche Behandlung erinnern muß, die ihr als angeblich unruhestiftende Studentin in der „Nacht der Revolution“ vor vierzehn Jahre zuteil gekommen ist. Dabei wollte sie in der Nacht nur zu Fuß von einer Verlobungsfete nach Hause gehen und hatte keine Ahnung, dass man inzwischen auf den Straßen Geschichte schrieb. Und so hat man sie erfasst, den Studentenausweis krampfhaft in der Hand haltend, was in der genannten Nacht einem Todesurteil gleich kam. Sie hatte Glück, kam am nächsten Tag heil nach Hause, der gesamte Körper von blauen Flecken übersät. War wohl zur falschen Zeit am falschen Ort.

Die Erinnerung schmerzt nicht einmal, es ist uns allen nur irgendwie peinlich und wir wechseln unmerklich das Thema. Woran merkt man, wann man als Marionette benutzt wird? War das eine Revolution oder ein Putsch? Keiner traut sich weiter zu fragen.

Zum Abendessen kommt noch ein befreundetes Ehepaar vorbei, um uns zu helfen, Frau Kücklein´s köstliche Kohlrouladen zu vernichten. Sie und er sind erfolgreiche Geschäftsleute, jung und voller Dynamik, im Sonnenstudio säuberlich gebräunt. Gesprochen wird das Übliche: Finanzierungsprojekte, Urlaubspläne im Ausland, Automarken, dazu gesunde Ernährung, Yoga, das Übliche.

Wäre ich weiter im Lande geblieben, hätte ich wahrscheinlich gut mitreden können. So aber versuche ich, mich in ein persönliches Gespräch mir Clara zu flüchten, die, auch gerade von der Arbeit zurück, wieder mal vorbeischaut. Jemand fragt mich nach einem bestimmten Zinssatz in Spanien und ich antworte unsicher. Mich beschleicht das unangenehme Gefühl, dass das nur eine Art Fangfrage war, um mein Wissen zu testen. Danach widme ich mich Valentin, der gelangweilt sein Fahrrad vor dem Tor hin und her schiebt. Vielleicht reicht mein Intelligenzquotient nicht über den Maßstab eines Kindes hinaus in dieser komplizierten Welt. Doch ich fühle mich in meiner seltsam einfachen Welt wohl, und vergesse ganz kurz, dass morgen für mich die Hölle wieder losgeht.

Valentin läßt sich von mir in den Sattel helfen und wir haben viel Spaß beim Fahren lernen, ich mit meiner Hand seinen Gepäckträger stützend. Der Junge lacht herzhaft und ich denke, ich mache mich zumindest auf diese Weise nützlich. Später werde ich von seinem Vater erfahren, daß er durchaus imstande ist, auch selber zu fahren.

Die Yuppie - Gruppe bricht gegen halb elf dezent auseinander. Jeder freut sich, in der Stille der Nacht sein Nest aufzusuchen. Bevor ich ins Bett gehe, ruft mich mein Mann von einer Geburtstagsparty aus Spanien an. Im Hintergrund höre ich eine verdammt gute Männerstimme Flamenco singen. Ich denke: «das würdest Du gerne hören.» "Der ist bei uns hier, life“ – schreit mein Mann ins Telefon.

Recht hat er. Das Leben ist schön. Beim nächsten mal bin ich auch auf der Party dabei. Es gibt Hoffnung.

Grönemeyer´s Worte aus meinem Walkman ins Ohr geflüstert: Es ist ok_Alles auf dem Weg_Es ist Sonnenzeit_Unbeschwert und frei_Der Mensch heisst Mensch_Weil er irrt und_weil er kämpft_Weil er hofft und liebt_Weil er mitfühlt und vergibt_Weil er lacht, weil er lebt, Du fehlst...

Bevor ich einschlafe, reicht mir Rosa noch eine Packung Hansaplast für die Stellen an meinen Füßen, an denen sich Blasen gebildet haben. Trostpflaster.

 

Mittwoch

            Die Suche nach dem richtigen Ausweg

 

 

Erstes Ziel am ersten Tag meiner vermeintlich „astralen Jahresglückssträhne“: das Volkszählungsamt und die gestempelte Heiratsurkunde. Dann weiter sehen, was noch zu tun ist: der Bundesanzeiger, das lokale und das zentrale Finanzamt, das Herausfinden der richtigen Sparkasse und nicht zuletzt der Termin bei der „Frau General“. Letzteren werde ich sowieso auf den Donnerstag verschieben, denn laut Internet arbeitetet das Amt für Staatsangehörigkeit am Mittwoch gar nicht mit dem Publikum und ich möchte nicht außerhalb der christlichen Arbeitsstunden von Tinas Beziehungen Gebrauch machen.

Einziger Nachteil bleibt, dass die Behörden leider nur vormittags aufhaben. Es ist zu befürchten, dass die säuberliche Planung meines „Arbeitstages“ von völlig überraschenden Ereignissen komplett auf den Kopf gestellt wird. Also bleibt nichts anderes übrig, als getrost auf Überraschungen vorbereitet zu sein. Wenn es nach mir ginge, könnten die Behörden auch nachmittags arbeiten. Ich, Besserwessi! Wäre die Gerechtigkeit ein Draht, würde ich ihn höchstpersönlich gerade biegen.

Matei nimmt mich in seinem Auto mit. Es ist einen erfrischende Vorstellung, auf die eifrigen Dienste des freundlichen Taxifahrerkartells zu verzichten. Vor dem Urlaub muss Valentins medizinische Situation von einer „Frau Doktor“ beurteilt werden, also fahren wir zuerst in die Praxis.

Schon wieder eine Dame. „Dame“, ebenso wie „Herr“, durften wir für ein halbes Jahrhundert nicht sagen. Herrschaften gab es nicht; wir waren alle Genossen. Letzteres ist uns mittlerweile aus dem Wortschatz komplett entglitten. Unglaublich, vor gar nicht so langer Zeit machten wir uns durch das einfache Benutzen eines Wortes strafbar! Was mag das bewährte Wort „Dame“ oder „Herr“ falsch gemacht haben? Wie weit kann der Wahnsinn eines politischen Systems gelangen, wenn man sogar der unschuldigen Landessprache nach den Bestandteilen trachtet?! Übersetzungen aus fremden Büchern: keine Äquivalent für den spanischen „Señor“ oder für den englischen „Mister“. Die heutige, chaotische Lage, so unglaublich wie sie ist, hat ihren Ursprung in einer noch unglaublicheren Vergangenheit. Wenn man überhaupt das Adjektiv „unglaublich“, grammatikalisch korrekt weiter beugen kann.

Im Auto seines Vaters macht der Kleine Gebrauch von seinen nagelneuen Musikboxen. Diese hat er tatsächlich mit seinem eigenen Geld bezahlt, durch die Reihe an Werbespots in denen er, trotz zartem Alter, schon die Hauptrolle gespielt hat. Zu meinem Entsetzen hört er seinen Lieblingssender unglaublich laut. Mir dröhnt auf dem Beifahrersitz der Kopf, schalte andauernd leiser, doch prompt huscht die winzige Kinderhand von hinten nach vorn und macht wieder laut. Irgendwann bin ich des blöden Spieles leid und lasse es sein.

Von unserer Schallkiste aus beobachten wir eine Gruppe Jugendlicher, die draußen gerade Schulpause machen und sich um einen Zaun gruppiert haben. Ihre zuckenden Hip Hop Bewegungen passen gut zu unserer Musik (die sie ja gar nicht hören). Lässig umhüllt in modernen, coolen Klamotten provozieren sie sich gegenseitig. Trotz Lärm fühlt man sich doch im Auto wohler. Die Teenies sind wie die Fische in einem Aquarium. Wo ist hier drin und wo ist draußen?

Kurzer Halt an der Bezirkssparkasse, um meine Konsulargebühr einzuzahlen, das Auto halb auf dem Gehsteig, an einem völlig ungeeigneten Platz geparkt, weil sonst niemand an Parkplätze gedacht hat. Schnell rein, hoffend dass die Politessen das Auto nicht entdecken.

Zwar stehe ich jetzt in der Warteschleife vor dem Schalter „Taxe Consulare“, aber am liebsten hätte ich zuerst gefragt, ob ich da richtig bin. Geht aber nicht, denn der Mann vor mir macht eine böse Miene, sobald ich versuche nach vorne zu spähen. Irgendwann bin ich dran und es stellt sich heraus, dass dies hier die Behörde für den Nachbarbezirk ist, obwohl es auf dem Boden meines Viertels steht. Für mich ist das andere Amt zuständig, zwei Straßen weiter, im benachbarten Arondismént.

Wir irren durch die Nachbargassen, ohne die Adresse zu finden. Ein freundlicher Mann, der gerade dabei ist vor seinem Haus seine Dacia auseinander zu schrauben schickt uns selbstbewußt in die falsche Richtung. Wieso geben diese Leute so ungern zu, wenn sie etwas nicht wissen? Ach ja, es galt ja nie, die Ursachen zu bekämpfen, sondern wichtig war zu beweisen, dass man nicht selber an der Misere schuld ist. Man hat keine Ahnung, aber davon jede Menge. Erst ein paar Schritte weiter treffen wir eine Frau mit einer Plastiktüte in der Hand, die uns bereitwillig zum gesuchten Prachtbau am Ende der Straße sogar persönlich begleitet. „Ich habe Zeit, mein Kind. Was sagtest Du willst Du dort machen?“

Mein Schalter hat geschlossen. Eine Kassiererin kommt vom Nachbarschalter vorbei. Dann bedient sie mich, das heißt, sie nimmt mir das Geld ab und schließt das Fenster. Eine Minute später macht sie wieder auf und reicht mir ein zwei Zentimeter kurzen Kassenbon, mit ein paar gedruckten Zahlen drauf, keine Buchstaben, kein Datum. Als ob ich nicht mehr als ein Brot gekauft hätte (immerhin ein teures für 159 Euro)! Die Dame ist schon weg und ich grübele weiter. Der Wisch flößt keinerlei Respekt ein, aber was kann man machen? «Die werden schon wissen was sie tun».

 

Matei lenkt das Auto professionell durch enge Gassen, zwischen riesigen Plattenbauten, die alle einander gleichen. Eine Abkürzung. Die provisorische Praxis besteht aus zwei umfunktionierten Appartements und einem Teil des gemeinschaftlichen Flures. Der Kleine ist auf dem Weg der Besserung, die spanische Sonne wird ihm gut tun. Allerdings benötigen Kinder, die ins Ausland reisen, spezielle medizinische Unterlagen. Eine reine Förmlichkeit, aber besser wenn wir das gleich machen, als dass die ganze Familie nachher an der Grenze Schwierigkeiten kriegt. Selber hat die Ärztin keine Formulare dabei, aber angeblich kann man die auf jeder westeuropäischen Botschaft bekommen. Ich vermute, es handelt sich um den Impfpaß, der im Ausland auch von mir verlangt wurde, und den ich leider nicht besitze, da es ihn hier ganz einfach nicht gibt.

 Wir fahren los zum Botschaftsviertel. Die spanische Botschaft ist im Belagerungszustand. Eine Menschentraube - überwiegend junge Mädchen und kräftige Männer - blockiert die ganze Straße. Matei kehrt enttäuscht zum Auto zurück. Hier weiss keiner etwas genaues. Die Wachposten sind junge Soldaten, die nichts mit Spanien zu tun haben. Die Informationsblätter vor dem Tor handeln nur von Kontingenten für Arbeitserlaubnis auf den iberischen Trauben-, Zitrus- oder Erdbeerplantagen. Hinein wird man nicht gelassen. Die Menschentraube wirkt wie ein Bienennest („Du kommst hier nicht rein!“)

Weiter zur französischen Botschaft (die liegt eh gleich um die Ecke). Natürlich steht auch Frankreich auf der Urlaubsroute meiner Freunde. Wenn zwei Wochen Urlaub im Ausland, dann mindestens fünf Länder im Programm. Zu traumatisch war das Ausreiseverbot früher, jetzt holt man alles auf einmal nach. Von Frankreich haben wir uns nicht einmal getraut zu träumen. Als dann das Stipendium aus Paris für Rosa kam, hätte sie beinahe abgesagt, weil sie die Sprache nicht beherrschte. „Natürlich kannst Du französisch, Du Dummerchen! Jeder Rumäne kann französisch“ – habe ich sie damals angeschrien. Inzwischen zwitschert sie mit pariser Akzent, besser als manch Eingeborener. Die Rumänen lernen in kürzester Zeit jede Sprache, wenn’s sein muss auch Japanisch. Schauen sie, wie gut ich Deutsch kann!    

Bei den Franzosen geht es dezenter vor. Die haben vor allem Stil, sogar in Behördensachen, unsere „lateinischen Brüder“. Es gibt keine Warteschlange aber auch kein Formular. „So etwas haben wir seit drei Jahren nicht mehr“ – ist knapp die Auskunft. „Aber die Auswanderungsgesetze werden von Tag zu Tag strenger. Fragen sie lieber auf dem Hauptquartier der Grenzpolizei nach“. Wir verzichteten darauf, klar zu machen das hier nicht ausgewandert wird. Das glaubt sowieso keiner, denn das ist meistens die Regel; viele schmuggeln sich aus dem Lande.

Zu meiner Erleichterung, hat die Grenzpolizei irgendwo in der Nähe von Tinas Arbeitsplatz Ihren Sitz. Auf dem Weg dahin, halten wir kurz am Bundesanzeiger an. Wieder habe ich das große Glück, mein Geld schnell und reibungslos loswerden zu dürfen. Meine Entlassung aus der Staatsangehörigkeit, falls sie stattfindet, wird auf meine Kosten bekannt gegeben. Dann steht mein Name in der Zeitung. Abgesehen von den dicken offiziellen statistischen Jahrbüchern, verkauft der Verlag auch ein paar Kunstbücher. Es gibt Ikonen, Fotoalben vom ganzen Land, moderne rumänische Malkunst. Wieder bleibe ich vor dem Bücherregal wie angewurzelt stehen. Ein edles Album mit gar nicht so schlechten Bildern des berühmtesten rumänischen Malers (ist leider im Ausland kaum bekannt) überrascht mit einem absoluten Dumpingpreis (umgerechnet 8 Euro).

An der Kasse nimmt mich eine feine Dame in Empfang. Freundlich fragt sie ob ich das „als Geschenk nach draußen“ kaufe. Beim Aussprechen des Wortes „draußen“ schaut sie nach oben. „Etwas in der Art“, erwidere ich.  „Aber das können sie nicht machen. Das Buch ist hier an der Seite beschädigt!“ – bemerkt sie alarmiert. Dann entschuldigt sie sich für einen Augenblick und geht nach hinten zum Lagerraum. Kurz darauf kehrt sie triumphierend mit einem heilen Album in den Händen zurück und packt es mir auch noch in eine extra Plastiktüte ein. Ich reiche ihr das Geld, will ihr zwanzigtausend Rest lassen, scheitere jedoch kläglich an ihrem kritischem Blick. „Bitte nicht. Das gehört sich unter uns doch gar nicht“, erwidert sie sanft wie eine Primaballerina, und ich übe schon wieder den Elefanten im Porzellanladen. Berührt torkele ich ganz durcheinander, nach draußen. Was wollte sie mit „uns“ sagen?

    

***

Der Sitz der Grenzbehörde ist unmöglich zu finden. Irgendwo in der Nähe versuchen wir auf dem Hof eines imposanten Gebäudes zu parken. Hier bastelt ein ölbeschmierter Mann an einem Lkw herum. Nein, er weiß auch nicht wo die Grenzbehörde ist, aber eins weiß er ganz genau: „hier ist es nicht, also muß es woanders sein“. Der Hof ist voller Schlaglöcher, und Mateis Auto ist nagelneu, extra für den bevorstehenden Urlaub gekauft, eine spanische Marke, übrigens. Hoffentlich passiert dem Auto nichts, sonst bringt uns auch dieses Phantomformular nicht weiter in Richtung Urlaub.

Jetzt muss der Kleine erst mal für „kleine Königstiger“. Direkt auf dem Parkplatz, zwischen den Autos, und zwar direkt an einem Pkw-Rad, natürlich unter Vati´s Aufsicht. Diese alte „Sportart“ ist mir nicht unbekannt. Ich begreife, daß der Kleine durch diese Radbepinkelei sein Selbstbewußtsein stärkt. „Allerdings müsst Ihr im Ausland auf diesen Brauch verzichten, dort gibt’s Probleme“, kann ich mir nicht verkneifen. „Natürlich nicht. Ich meine Ja. Dort sind wir auch nicht zu Hause“ antwortet Matei etwas pikiert. Laut Volksmund, bringt das Glück. Na ja, zumindest der Betroffene ist danach deutlich erleichtert. Kinder sind doch Engel. Wieso hat mir früher dieses „unschuldige“ Kinderspiel nichts ausgemacht?

Ein Deutscher erzählte mir wie er einmal während seines Amerika Urlaubes unbedingt anhalten mußte, um sich am Highway - Rand zu erleichtern. Ein prüder amerikanischer Polizist ertappte ihn und ließ ihn nicht nur eine saftige Strafe bezahlen, sondern hielt ihm auch eine lange Predigt, nach dem Motto „machen Sie das zu Hause, in Europa, auch so?“. Die richtige Antwort wäre „Ja“ gewesen, wenn alle Beteiligten wirklich ehrlich miteinander gewesen wären.

Wo ist also die Grenze? Wo fängt man an, ein Schwein zu sein? Wenn man sich zur Parteimitgliedschaft übereden läßt? Oder wenn man den Nachbar bespitzelt? Und wenn das alle tun? Bin ich nicht selber eine viel untreuere Tomate, wenn ich mich über meine Heimat so hemmungslos auslasse, anstelle elegant die heiklen Phasen zu verschweigen und nur das Schöne zu berichten? Eine meiner Bekannten beschuldigt mich heute noch, die Hand, die mich ernährt hat, zu beißen. Immerhin, meine Kritik zeugt von Betroffenheit.

Valentin  stolpert über eine Bordkante und fällt zu Boden. Wie auf ein Signal fangen in der Nähe ein paar Hunde an zu bellen. Wo haben sie sich bis jetzt versteckt? Diese streunenden Tiere sollte man vielleicht irgendwann zum Wappentier der Stadt deklarieren. Drei davon nähern sich uns mit gefletschten Zähnen. Valentin hat sich weh getan; er liegt erschrocken am Boden und weint. Sein Jammern wird immer lauter und die Hunde kommen immer näher. Ich sage Valentin, er solle gefälligst aufstehen, aber er ist zu erschrocken. Dann greife ich ihm unter die Arme und hebe ihn hoch. Sobald er wieder auf den Beinen steht, gehen die Hunde stiften. Mein Handeln war instinktiv; wieso, weiß ich nicht. Vielleicht habe ich das in meinem Unterbewußtsein gespeichert, aus meinem „früheren Leben“.

„Wir kleben dein kaputtes Knie mit einer Mickymaus zu Hause zu “ tröstet ihn sein Vater in guter Hansaplast-Manier. Er ist gerade aus dem Grenzamt zurück gekommen. Die gute Nachricht ist, dass man das medizinische Attest nicht mehr im Ausland braucht. Die schlechte Nachricht lautet: abgesehen von der Versicherung, muss man das nötige Kleingeld für den gesamten Urlaub vorweisen. Das wären 100 Euro pro Person und Tag. Zusammengerechnet 4200 Euro für die dreiköpfige Familie, für zwei Wochen, in bar. Eine fette Beute für die Banden auf der Durchfahrt im ehemaligen Jugoslawien, denn die wissen so etwas garantiert.

Zumindest haben wir jetzt sichere Informationen. Kaum einen Vormittag sind wir kreuz und quer durch die Stadt herumgefahren und schon wissen wir mehr!...

 

***

Im Portierhäuschen vor dem Volkszählungsamt sitzt diesmal ein echter Polizist. Der ißt gerade sein Käsebrot mit Tomaten. Brav reiche ich ihm meinen neuen Ausweis und warte darauf, dass er mich in sein dickes Buch einträgt. Doch er will mehr wissen. Zu wem ich hin wolle. Ich gebe Tina an. Bei „ihm“ arbeitet niemand mit diesem Namen, schießt er giftig zurück. Ich atme ein, atme aus. Mir ist klar, dass er mit mir ein wenig spaßen will.  Dann weise ich ihn forsch zurück.  Uups, großer Fehler, kann ich das bitte nochmal korrigieren? Zu spät. Er  wirkt  beleidigt, wird trotzig („na dann jetzt erst recht...“). Zum Glück fällt mir Tinas Mädchenname aus dem Gespräch von gestern ein. „Ah die meinst Du?“ – kommt die abwertende Reaktion.

Nun fühle ich wieder festen Boden unter den Füßen. „Sehe ich vielleicht wie eine Terroristin aus? Lassen sie mich jetzt endlich durch!“ Mein schneeweißes, teures Gewand in Ibizastil lässt mich wahrscheinlich so unschuldig wie eine Braut aussehen. In Begleitung seiner bösen Blicke darf ich voran zur Eingangstreppe.

Die ganze Zeit hat er mich geduzt und ich musste mich beherrschen, um beim „Sie“ zu bleiben. So stärken große Jungs ihr Ego, durch ein Nullsummenspiel: was ihn stärker macht, macht mich gleichermaßen schwächer. Von der hochgelobten Kooperation, die uns auf der hiesigen Uni eingeflößt wurde, keine Rede. Der Weg zur höheren Stufe des Kooperationsverhaltens („alle gewinnen“) ist hier eindeutig verstopft. Theoretisch müßte ich mich jetzt hinsetzen, Abstand nehmen und versuchen, mich von oben zu betrachten. Theoretisch.

Aus dem Treppenhaus wähle ich am Telefon Tinas Büro. Sie tut überrascht. «Komisch», denke ich mir. Diesmal muss ich lange warten. Ein Mann sitzt neben mir auf der Treppe und fragt schüchtern ob ich ein Formular für ihn ausfüllen würde, da er selber „nicht so gut im Schreiben ist“. Sein Antrag handelt von einer Immobilie, die in einer zahlreichen türkischen Familie, über unheimlich komplizierte Wege, von A nach B vererbt und übertragen wurde. Es gibt sie also, die ersten Einwanderer in Rumänien, lauter Mustafas und Aminas! Für den fertigen Antrag nehme ich selbstverständlich kein Geld. Ob mich der Himmel für meine gute Tat belohnen wird? Wir setzten unser gemeinsames Warten fort, es entsteht eine Art Wir-Gefühl. Das ohnmächtige Nichtstunkönnen funktioniert wie eine kurzfristige Bindung zwischen uns, als ob sich aus zwei Ohnmachten ein klein wenig mehr als nichts ergeben könnte. Wir, „Ausländer“.

Tina erscheint mit großer Verspätung und hat meine Akte nicht dabei. Mein Herz bleibt stehen. „Es liegt in der Mappe, bei der Chefin, zum Unterschreiben“ – beruhigt sie mich. Ganz nebenbei erzähle ich ihr vom Zwischenfall beim Eingang. Sie wird rot im Gesicht und zerrt mich zum Tor. Gift und Galle spuckend postiert sie sich vor den Polizisten, keine zehn Zentimeter von seiner Nasenspitze entfernt, und blickt ihm theatralisch schweigend direkt in die Augen.

Schon wieder habe ich Schwierigkeiten beim Einschätzen der Lage. Entweder ist das verdammt ernst, oder im Gegenteil, sie nehmen mich kräftig auf die Schippe. „Was erlaubst Du Dir?“ schreit sie ihn an. Siehst Du nicht mit wem Du hier zu tun hast?“ Der Beamte antwortet aufgeregt: „Pflicht ist Pflicht. Du erzählst mir neulich, dass Du auf eine Dame mittleren Alters mit zwei Hunden wartest, und was kommt statt dessen?“ Der wirkliche Sinn der Konversation entgleitet mir immer mehr. In den letzten Tagen musste ich mir so oft Gespräche über meine Person im dritten Fall konjugiert anhören! Die beiden steigern sich gegenseitig im Geschrei wie zwei Hähne. Dann halten sie inne. Die plötzliche Stille ist ohrenbetäubend, ich schwöre es. Und dann explodieren sie in Kaskaden von Gelächter. Verarscht! Sitze da auf meiner Bank, bin erleichtert und matt und vielleicht auch ein wenig glücklich. Ich glaube.

Jetzt bin ich „eine von ihnen“ und alle sprechen mich wie selbstverständlich mit „du“ an. Für den großen Durst reicht mir Tina eine 3 Liter Flasche Fanta. Nun kann ich getrost weiter auf der Bank sitzen. Neben mir tut ein unauffälliger Herr in korrektem Anzug so, als ob er interessiert in der Zeitung lese.

Dann ist sie wieder ohne Papiere zurück. Tina, verwirrt und unnatürlich, trunken und doch fröhlich, als würde sie mir etwas verheimlichen. Oder vielleicht auch nur verstreut, womöglich mit einem Kater. „Komm mit“ –  sie führt mich an der Hand hinter das Schild  „Eintritt unbefugter Personen streng verboten“. Jetzt bin ich befugt.

Im ersten Stock suchen zwei nette Damen für mich in einer Mappe. Ich halte die Fantaflasche fest an meinen Körper gedrückt, sozusagen mein Notanker. „Das ist also das ungeduldige Fräulein!“, vorgeführt wie ein exotisches Tier im Zoo. Gut gemeinte Ratschläge prasseln in meine Richtung und dankbar nehme ich sie wie ein Schwamm auf: “Nachdem die Chefin das unterschreibt, mußt Du zurück zum Rathaus. Dort wird Dir eine Heiratsurkunde ausgestellt. Sei ganz vorsichtig wenn Du unterschreibst. Sollte ein Buchstabe in dem Namen Deines Mannes fehlen, dann kann man das im Nachhinein nur noch vor dem Europäischen Gericht in Den Haag ändern. Du bist dann sozusagen mit einem Fremden verheiratet und müßtest beweisen, daß es ihn nicht gibt“. Dann unterschreibe ich für den Erhalt meiner inzwischen ganz schön dicken Akte und will mich sofort auf dem Weg machen.

Ehrlich gesagt, ich hatte nicht gedacht, dass ich noch einmal mit der Heiratsurkunde zum Rathaus gehen müsste. Doch was soll’s? Draußen beweist Tina rührende Anhänglichkeit. Am liebsten würde sie mitkommen, doch in ein paar Minuten soll eine wichtige Sitzung anfangen. Die Fantaflasche wandert hin und her wie ein absurdes Abschiedsgeschenk, während ich wiederholt beteuere, daß ich sehr wohl auch alleine zurecht komme. Meine Vermutung über Tinas trunkenen Zustand bestätigt sich immer mehr. Was soll denn schlimm dabei sein, wenn sie vor lauter Freude, einen Teil des vielen Geldes, das ich ihr gestern gab, zum Feiern benutzt hat? Eine gewisse Neigung zum Glas würde auch die etwas mitleidige Art und Weise erklären, in der sie von ihren Kolleginnen behandelt wird.

Ein Herr in tadellosem Anzug spaziert an uns vorbei und spricht sie kurz an: „Beeilung, Dalli! Die Sitzung beginnt!“ „Der Chef“ – flüstert sie ehrfürchtig durch das Taxifenster. Vom Gehsteig sehe ich sie zum letzten mal winken. Ich ahne nicht, dass wir uns für immer verabschieden.

 

***

Auf meine Bitte hin legt der Taxifahrer eine kurze Pause am „größten Kaufhaus Südosteuropas“ ein, denn ich hege Hoffnung, hier genug Auswahl an Wechselstuben und Blumenhändlern zu finden, und vielleicht sogar noch eine Stange Zigaretten für die Standesamtsdamen zu kaufen. Früher waren Kaffe und Kent-Zigaretten direkte Zahlungsmittel. Der Brauch hat sich bis heute gehalten, obwohl man heutzutage alles selber kaufen kann. Aber für viele ist das immer noch zu teuer.

Mein Taxi parkt in zweiter Reihe; mein Geld für die Zwischenzeit will er nicht nehmen und meint „Sie werden schon zurück kommen.“ Am Haupteingang bin ich schnell fündig: gleich zwei Wechselstuben nebeneinander. In einer davon sitzen zwei Mädchen und zählen Geldscheine. Schild am Fenster: „wegen Schichtwechsel geschlossen“. Gegenüber sitzt ein junger Mann und isst ein Sandwich. Sorry, Mittagspause. So werde ich bald wahnsinnig. Meine Beine bewegen sich durch die Gänge, meine Augen durchsuchen systematisch jede Ecke nach weiteren Wechselstuben. Vollautomatik, «Nummer 5 lebt».

Endlich! In einem Glaskasten mit Sicherheitsbeamten vor der Tür begutachtet eine skeptische Kassiererin meine Geldscheine im farbigen Licht unterm Tisch. Ich bete, dass der Taxifahrer draußen seine Geduld nicht verliert.

 Vor einer alten Zigeunerin, tue ich ganz beiläufig an einem Blumenstrauß interessiert. Doch sie will mir unbedingt einen anderen verkaufen. Bis heute weiß ich nicht warum. Egal. Außerdem könnte ich den Preis mindestens um einen Drittel drücken, doch mir ist nicht danach. Danach ist mir eigentlich nie, mir graut es vor dem Feitschen. Ich nehme den Blumenstrauß, der mir vom Anfang an gefallen hat. Ob die schon am nächsten Tag gleich verwelken, werde ich wohl nie erfahren.

Ein Zigarettenladen ist nicht zu finden. Pech für die... Zigaretten. Überall auf der Welt hört man mit rauchen auf, hier fängt man immer noch gerne an.

Punkt 14.00 Uhr betrete ich den Eingangsflur des Rathauses. Ja, die Damen vom Standesamt sind noch da, berichtet der  Portier gut gelaunt. Er hat mich wieder erkannt. Den schmucken Blumenstrauß vor meiner Visage haltend, betrete ich den Raum. Lauter Begeisterungsrufe und Gratulationen schweben mir entgegen, als ob ich Olympiagold gewonnen hätte. Ich bin die erste, die es alleine geschafft hat, alle nötigen Unterlagen für die Umwandlung ihrer ausländischen Heiratsurkunde zu sammeln! Helle Begeisterung. Ein wenig ist das wie daheim, aber eben nur ein wenig. 

Dann wird mit viel Pflichtgefühl meine offizielle Heiratsurkunde vorbereitet. Wärenddessen nutze ich wieder die Gelegenheit, um eine Zigarette im Treppenhaus zu rauchen. Obwohl diesmal Tina nicht mit dabei ist, habe ich das Gefühl als würde ich die Leiterin des Stadesamtes schon ewig kennen. Beim eleganten Dank für die Blumen  kommen wi über das leidige Thema der „kleinen Aufmerksamkeiten“ ins Gespräch. Ob das eine Modeerscheinung sei, oder ein fester Bestandteil der rumänischen Mentalität, so wie das Trinkgeld in Amerika, fragen wir uns beide. „Eher eine bittere Notwendigkeit“ – meint meine Gesprächspartnerin und erzählt von den niedrigen Gehältern, und dass momentan im Parlament ein Gesetz besprochen wird, welches den Beamten Hoffnung macht. Irgend etwas in Sachen Gehaltserhöhung im öffentlichen Dienst meine ich auch neulich in den Nachrichten gehört zu haben. Gegenseitig gestehen wir uns die Beklommenheit, die uns beim Geben beziehungsweise Nehmen quält. Unangenehm für den „Geber“ ist auch die Ungewißheit über die richtige Höhe der Gabe. War das zu viel oder zu wenig? Ist hier jemand beleidigt? Plötzlich wird mir klar, dass ich mich gerade über Korruption offen unterhalte; und zwar mit einer bereits von mir „geschmierten“ Person. Außerdem verteidige ich den verhassten Brauch zwar nicht, aber ich toleriere ihn. Oder ist das doch nicht Korruption? Nicht alles ist schwarzweiß, auch wenn es hier machmal recht farblos wirkt.

Wir vergessen das peinliche Thema und ich erzähle von meinen Eltern und von dem Wunsch, sie in den nächsten zwei Tagen noch zu besuchen. Dann ist die Heiratsurkunde fertig ausgefüllt. Meine - Pardon, unsere, denn es gehören ja immer zwei dazu - Heiratsurkunde ist auf speziell dickem Papier gedruckt und sieht aus wie ein Abschlussdiplom. Die Standesbeamtin trägt das nationale Banner über der Brust gespannt. Gehört das zu Ihrer normalen Arbeitskleidung? Ich lese vorsichtig alles was da drin steht, nehme die goldene, schwere Füllfeder in der Hand und unterschreibe vorsichtig mit meinem „neuen Namen“. Dann reicht mir die Standesbeamtin die Hand und wünscht mir – ich kann kaum meinen Ohren trauen – „eine glückliche Ehe!“ Ich glaube nicht, dass sie das automatisch sagt, nur weil sie es immer so tut; es klingt wirklich ehrlich und auf mich bezogen. Dabei bin ich schon seit Jahren erfolgreich verheiratet. Vollkommen überrascht schaffe ich es gerade noch mich zu bedanken und, bevor ich wieder nach diesem angeblich entscheidenden Moment meines Lebens zu mir komme, stehe ich schon im Treppenhaus. Schade, ich habe keine Flasche Sekt mitgebracht! Und so habe ich noch einmal geheiratet, und zwar ganz offiziell; ich mich selbst...

Irgendwo zwischen erster Etage und Erdgeschoß höre ich meinen Namen noch einmal gerufen. Ach Du Schreck, lass bitte nichts falsch geraten! „Um Gottes Willen! Habe ich etwas vergessen?“ Nein, Tinas Ex-Kollegin zieht mich von der Treppe und flüstert mir ins Ohr: „Verspreche mir eine einzige Sache noch“. Du lieber Gott, was mache ich jetzt?„Verspreche mir, dass Du unbedingt noch Deine Eltern besuchen gehst. Alles andere zählt nicht. Das ist das einzig Wichtige für Dich jetzt!“ Wir haben Tränen in den Augen. Verflucht sei meine romantisch vibrierende „Latino-Seite“!

 

***

Die kaum befahrene Seitenstraße ist sonnig und ruhig. Bin ich jetzt endlich „on the sunny side of the street?“ Das entspricht meinem Bedürfnis, mir die Beine zu vertreten. Entspannt, mit gerader Körperhaltung, die wertvolle Aktenmappe unterm Arm, spaziere ich davon. Langsam fließt Ordnung in meine Gedanken hinein. Glücklich aber auch traurig passiere ich schon wieder ein Notarschild – scheint ein lukratives Geschäft zu sein -  überlege nicht lange und gehe hinein. Schätze, solange hat meine Ruhepause gehalten, genau zwei Blocks. Bestimmt brauche ich später beglaubigte Kopien meiner frisch ausgestellten Heiratsurkunde.

Das Notarbüro ist eine Zweizimmerwohnung im ersten Stock. Der Fahrstuhl ist kaputt. Für die Wartenden sind Stühle draußen, im Treppenhaus, vor den Aufzug  gestellt. Völlig unbeteiligte Bewohner der restlichen Privatwohnungen spazieren  wie in einem stummen Film an den Klienten vorbei. Drinnen sitzen zwei junge Mädchen an ihren Computern und bearbeiten Papiere. Sie wirken gestresst.

Von meinem Standpunkt aus kann ich in das Arbeitszimmer des Notars hinein schauen. Auf den Stühlen sitzen zwei ältere Ehepaare, wahrscheinlich Eltern und Schwiegereltern. Hinter ihren Stühlen, die hohen Lehnen fest im Griff, ein junges Paar. Die junge Frau strahlt geradezu das gewisse „Etwas“ aus, was frisch gebackene Bräute an sich haben. Sehr gepflegt gekleidet, frisiert und geschminkt, jedoch mit feuerroten Wangen und leuchtenden Augen wie eine wilde Katze auf der Lauer. Soweit ich urteilen kann, handelt es sich hier um die Übertragung einer Eigentumswohnung auf das junge Ehepaar. So harmlos wie die junge Frau sich gibt, ich könnte wetten, dass sie sich nicht einmal um einen Faden aus der Fenstergardine ihrer neuen Küche betrügen lassen will. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben am Vormittag auch diese jungen Eheleute die goldene Feder im benachbarten Rathaus, unter dem aufmerksamen Blick der Bannerträgerin, benutzt. Die engelhafte Erscheinung stimmt im Falle dieser Braut überhaupt nicht mit ihrem entschlossenen Blick überein. Kann man daraus schließen, dass „rumänische Bräute“ ziemlich genau wissen, was sie wollen? Eigentum ist auf jeden Fall kein ausgefallener Wunsch. Fast alle Eltern sparen bitter, um ihren Kinder eigene „vier Wände“ zur Hochzeit schenken zu können.

Eine hochschwangere Frau betritt den Raum. Der junge Mann der neben mir sitzt, macht keine Anstalten, ihr seinen Platz zu überlassen. Mittlerweile routiniert lese ich meine Kopien durch, unterschreibe und bezahle. Die Schwangere nimmt meinen Platz und bedankt sich höflich.

Es ist schon 15:00 Uhr. Selbst wenn ich mein Pilgern fortsetzen wollte, würde ich nirgendwo auf noch arbeitende Angestellte stoßen. Da ich noch eine unbenutzte Fahrkarte bei mir habe, nehme ich wieder einen Bus, suche mir einen Entwertungsapparat in der Nähe aus und schiebe mein Ticket rein. Normalerweise erhält die Fahrkarte ein Lochmuster, das bei jedem Fahrzeug anders ist. Nicht aber in diesem Fall. Meine wird geschluckt. Ich erzähle dem Busfahrer was mir passiert ist. Er reagiert nicht sonderlich überrascht, fragt wohin ich fahren will und meint ich kann mich beruhigt hinsetzen. Falls die Kontrolleure auftauchen, wird er mein „Alibi“ bestätigen. Nicht ohne Unbehagen setzte ich mich an einen Fensterplatz. Wer mag es schon, von der Laune eines fremden Menschen abhängig zu sein?

Ein Leben lang versuchte ich „in Ordnung“ zu sein, immer meine „Hausaufgaben“ machen, jedoch war ich nie frei. Ich wünschte, ich hätte in meiner Tasche eine komplette Sammlung fertig gelöcherter Fahrkarten, wie einige meiner schlauen Studiumskollegen in früheren Jahren. Anderseits ist es bekannt, dass, wenn jemand erwischt wird, meistens die ehrlichsten Leute zu Opfern werden. Meine Chancen stehen also gut, dass mein „Schwarzfahren“ nicht klappt.

Leute steigen dazu, der Bus wird immer voller. Ich rate einer Frau vom Entwärtungsgerät ab, aber sie ist schneller und hat schon ihre Fahrkarte hinein geschoben. Diesmal stempelt das Ding einwandfrei. Ihre bissige Bemerkung: „wer bezahlt Dich dafür, ehrliche Leute zu desinformieren?“ ist an mich gerichtet. Seit der Wende hat sich der Nationale Wortschatz gewendet: früher haben viele „informiert“, jetzt ist „desinformieren“ das geflügelte Wort.

Ich mache mich kleiner in meinem Sitz und schaue nur noch zum Fenster hinaus. Wenn das einer meiner besten Tage des Jahres sein sollte, dann frage ich mich, wie wohl die restlichen „normalen“ Tage aussehen würden.

Trotzdem bin ich nicht unzufrieden. Für den Donnerstag bleiben mir nur noch die zwei Finanzbescheide übrig („ganz einfache Formalitäten“) und das Einreichen der gesamten fertigen Akte. Mit ein bisschen Glück werde ich sogar den Nachmittagsflug nach Hermannstadt erreichen und bis Freitag Abend meinen rumänischen Aufenthalt mit einem Blitzbesuch bei meinen Eltern krönen!

 

***

Clara erwartet mich in ihrem Büro, um, laut Vereinbarung, mit mir zum Carrefour zu fahren. Vergeblich! Verzweifelt versuche ich ein Taxi zu bestellen, doch mich will keiner. Ist das nicht immer so:  wenn ein Taxiunternehmen momentan kein Auto in der Nähe hat, dann haben die anderen garantiert auch keines? Dürfen die überhaupt auch in Hamburg oder New York „nein“ sagen oder ist das schon wieder eine rein balkanische Sportart? Nachdem ich vier unterschiedliche Unternehmen angerufen habe, jedes mal geduldig mein gesamtes Datenpaket durchgebe (Name, Adresse, Telefon, Ziel) und immer wieder das „Nix-Da-Ergebnis“ höre, gibt es keine Alternativen mehr. Ich erkläre Clara die ernsthafte Lage am Telefon. „Du gehst in zehn Minuten vor der Tür“, befielt sie mir. Aha, doch, siehe da, ein Taxi wartet vor der Tür. Zauberei! Möchte mal wissen wie sie das gemacht hat!

Claras Büro, dezent in Glas und Stahl gehalten, mitten im Botschaftsbezirk. Der Unterschied zum Rest der Stadt ist krass. Zwei verschiedene Welten. Nach einer gemütlichen halben Stunde Fahrt, sind wir am Rande der Stadt, mitten im Konsumtempel. Ein gewaltiger Vorwärtssprung zu dem, was ich noch vor fünf Jahren kannte.

Unsere Wahl trifft rumänische Literatur und Musik. Dazu italienische Inline Skates und ich freue mich wie ein Kind. Auf dem Rückweg zum Auto klingelt Claras Handy. Es ist Isidor, ihr Freund, ein früherer Schulkollege von mir. Ihre Wochenendbeziehung weist ein Loch auf an diesem Wochenende, da er geschäftlich unterwegs sein wird. Keine Bange, seine Abwesenheit werde ich mit meiner unübersehbaren Präsenz schon ausgleichen, hi, hi! Isidor kriegt meinen ganzen Behördenfrust ins Ohr geflößt, doch das ist er gewöhnt; schließlich kennt er mich schon aus meiner Kindheit. Anstatt mich zu trösten, kritisiert er mich heftig (auch das ist nicht neu). „Solange Menschen wie Du das System weiter am Leben halten, kann und wird sich nichts ändern. Du bist selber Schuld an der Korruption. Du bist auch ein Glied in der Kette.“

Ich kenne ihn schon lange und gut genug, um zu wissen, dass er mich kränken will, aber er hat auf seine Art recht. Meine Denkweise unterscheidet sich nicht viel von seiner; schließlich sind wir beide in einer ordnungsliebenden Gesellschaft in Siebenbürgen aufgewachsen und erzogen worden. Unsere Grosseltern erledigten ihre Behördengänge in Wien, nicht in Bukarest, wenn sie überhaupt ein Problem hatten. Doch die Dinge sehen immer unterschiedlich aus, je nachdem aus welchem Winkel man sie sich anschaut. Es ärgert mich, daß ich ihm nicht widersprechen kann und doch bin ich froh, darüber offen reden zu dürfen. Auch das hat sich verändert: die Seil- und Vetterschaften sind jetzt zumindest offen ans Licht getragen. Deren Offenbarung ist nicht mehr strafbar. Na dann, Prost! Übrigens, „Prost“ heißt auf rumänisch „dumm“, klingt also wirklich beleidigend.

  Während Isidor und ich telefonieren, manövriert Clara ihren dicken Volkswagen übertrieben vorsichtig über den Parkplatz. Es ist schon spät, der Parkplatz ist fast leer. Die große Parkfläche weist frisch gemalte Streifen, Fahrspuren, Fahrrichtungen, Parkgrenzen. Anstatt ganz einfach direkt zum Ausgang zu fahren, hält sich Clara peinlich an die Markierungen und vollbringt ein elegantes, sinnloses Schlängeln über die leere Anlage, an unsichtbaren Hindernissen vorbei. Beim „motorisierten Flanieren“ schaut uns ein Sicherheitsbeamter belustigt an. Was mag er sich gedacht haben? Hier üben zwei Mädels im VW für die Führerscheinprüfung? Mir dämmert, dass wir alle, praktisch und theoretisch, immer noch durch die Gegend irren, auf der Suche nach dem „richtigen Ausweg“. Wo bitte ist hier der Ausgang?!

 

***

Die Einladung, kommende Nacht bei meiner Freundin Kati zu verbringen, nehme ich als willkommene Ablenkung an. Das Ehepaar K.u.K. (Kati und Klaus), wie viele erfolgreiche junge Ehepaare, hat verantwortungsvolle Arbeitsplätze und nur begrenzte Freizeit. Für das kommende Wochenende haben Sie eine Reise zu ihren Eltern, in der Nähe meiner Heimatstadt eingeplant (dafür beneide ich sie ein wenig). Einen Tag davor kann ich mich noch dazwischen drängen, wenn ich schon mal da bin. Kati hat sogar vor, mich morgen zum Finanzamt zu begleiten. Ich komme mir vor wie ein Wanderpokal, aber gute Freunde sind unbezahlbar.

Kati ist an diesem Abend allein, K. ist schon ins Inland verreist. Manchmal ist er auch ins Ausland verreist. So unglaublich wie sich das anhört, das letzte mag er gar nicht. Er will immer zurück nach Hause. Hm, kommt mir bekannt vor.

Die  Wohnung ist klein aber verdammt perfekt. In der Küche hält sich alles in metallic und blau. Sogar das Besteck hat blaue Griffe und die Teller sind entzückend blau, alles sauber und kuschelig. Nur das Kabel der Alarmanlage hängt lose unter der Decke und stört ein wenig das harmonische Gesamtbild, eine Erinnerung an ein neulich verübtes Verbrechen. Eine unternehmungslustige Jugendgruppe aus der Nachbarschaft hat eingebrochen, wurde allerdings von der alten Nachbarin ertappt und mit lauten Schimpfworten weggejagt. Tja, nicht einmal die Diebe sind heutzutage noch was sie mal waren... Es heißt, „ehe wir den Himmel erreichen, zerfleischen uns seine Boten“, und seien das schlecht bezahlte Beamte, hungernde Straßenhunde oder Diebe aus der Nachbarschaft.

Seitdem haben K.u.K. eine dicke „Eisenherztür“ und eine Alarmanlage nachträglich einbauen lassen. Klar muss ich als erstes lernen, wie man die Installation bedient, ohne einen Alarm auszulösen. Die Angst, die Zahlenkombination womöglich zu vergessen, gesellt sich fröhlich zu meiner umfangreichen  „Ängstekollektion“.

Wir verbringen den Abend in warmem Kerzenlicht, von lieben Erinnerungen zehrend. Noch eine Reise in der Vergangenheit, die diesmal keinen bitteren Beigeschmack hinterläßt. Erstaunlich, wie man aus dem einen und selben Lebensabschnitt, sowohl schöne wie auch bittere Erfahrungen gleichzeitig ziehen kann! Zum Glück funktionieren Sebsterhaltungsmechanismen so gut, dass meistens das Schöne bleibt und das Böse vergessen wird.

 

Donnerstag

            Das Gesetz ist kein Kuhhandel?!

 

            Für die Behörden ist dies der letzte Arbeitstag in der Woche. Also muss alles klappen, jetzt oder nie! Aus dem Internet weiß ich, dass das Amt für Staatsangehörigkeit Donnerstags bis um 13:00 Uhr mit dem Publikum arbeitet. Danach erst am kommenden Montag wieder, doch ich fliege schon am Samstag zurück. Bis auf die zwei Bescheinigungen über meine finanzielle Lage, besitze ich schon alle Unterlagen. Meine Chancen stehen also nicht schlecht.

Außer... es passiert etwas Unvorhersehbares. An Tagen wie diesen neigt man dazu, ein bisschen religiös zu werden. Wenn man alles Menschenmögliche getan hat, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen und nur noch einen Funken Glück braucht... Aber nein doch, es handelt sich immer noch nur um eine recht irdische, prosaische Angelegenheit.

Der Beamte, der mir vor drei Tagen meine Bescheinigung versprochen hat, sitzt in einem geschlossen Büro. Mit den in Warteschlangen vor dem Eingang geordneten Massen hat er nichts gemeinsam. Mir gegenüber verhält er sich kühl, korrekt, seltsam. Zwanzig andere Kollegen teilen mit ihm das Büro, deswegen die angenehme Sachlichkeit und die distanzierte Behandlung. Gut. Der große Saal ist ordentlich mit Bürotischen bestückt, so in etwa wie die Zeitungsredaktion im amerikanischen Film „Die Watergateaffaire“, aber viel, viel enger. Wenn das eine Maßnahme ist, um die Korruption einzudämmen, dann kann man ruhig von einem Schritt in Richtung Transparenz reden.

Neugierigen Blicke durchbohren mich von allen Seiten. Ist vielleicht auch meine Kleidung plötzlich transparent? Flott kommt mein halbes A4 Blatt mit meiner Dienstmarke drauf zurück. Da steht die Wahrheit drin: ich habe keinerlei offene Schulden an den Staat. Hinter mir bleibt unauffällig ein Päckchen spanischen Kaffees auf den Arbeitstisch.

Das gleiche hätte ich jetzt gern nochmal hier, auf dem Bezirksamt und dann ist alles wie gehabt. Danach wäre die Akte komplett. Es ist neun Uhr Vormittags und es fehlt nur noch eine Unterlage. Yes! Schon wieder fragt mich ein uniformierter Beamter wo ich hinwill und schickt mich vorerst mal „zum Kopierer“. Jeder Antrag fängt mit einem Formular an, und den kriegt man am Kopierer. Natürlich bezahlt man die Kopie selbst. Mein Schuldenfreiheitsformular kostet 15.000 Lei (0,50 Euro). Verflucht nochmal, jetzt habe ich keine Münzen; die habe ich grundsätzlich überall als Trinkgeld liegen gelassen! Die Geldbörse fällt zu Boden, lauter Cents und Euros kullern durch den Flur. Gerade spaziert ein Herr mit seiner Kaffeekanne vorbei und natürlich hilft er mir beim Aufsammeln. Nun weiß hier jeder, dass ich „ausländischer Herkunft“ bin. Nachdem die Nachricht über meine „Fremdheit“ die Runde gemacht hat, werde ich auf einem ganz anderen Niveau „taxiert“. 

Zu Beginn der Demokratie pflegten alle Dienstleistungsunternehmen mit zwei Tarifen zu arbeiten: einmal für Inland und einmal für Ausland. Ganz normal. Selbst der noch ärmere Tourist, aus, sagen wir, der Ukraine, musste den teureren Preis bezahlen, dafür, dass er ausgerechnet nach Rumänien gereist war. Und die großen Plakate: „Herzlich Willkommen!“...

Der freundliche Herr – «vielleicht zu hilfsbereit; was will der von mir?» - bietet mir sofort seine Hilfe beim Einreichen des Antrags an. Mit gespielter Überraschung tue ich so als ob ich es mir noch überlege.

In seinem Büro gibt es mehr Beamte pro Quadratmeter, als man sich vorstellen kann. Zwischen den Tischen kann man nur seitwärts durchlaufen. Die betont lässige Vaterfigur stellt mich als „Enkelin“ vor. Bei meinem Eintritt hält die dicht zusammen gepferchte Masse kurz inne und erwidert meinen Gruß. Dann arbeitet jeder tüchtig weiter. Es ist die heißeste „Watergateaffaire“, die ich bisher gesehen habe. Mein Antrag wandert von Kollege zu Kollege weiter, jeder setzt seine Unterschrift darauf. Am Ende muss ich zu „Frau Jeni“, die den Stempel darauf machen soll.

„Frau Jeni“ ist flott, um die Vierzig, strahlt Optimismus aus, kommt gut an. Rapide und effizient sucht sie in ihrem Computer nach den Daten meiner Wohnung. Wie erwartet ist alles bezahlt und sauber. Schon macht sie Anstalten, mir das gewünschte Papier auszustellen, doch die aufmerksame Kollegin passt auch auf: „Anträge die für das Außenministerium bestimmt sind, durchlaufen die andere Prozedur“. Hoppla! Sofort weiß ich, dass es wahrscheinlich auf meinen Fall zutrifft. Es wäre ja schlicht unmöglich, dass auch nur dieses eine mal alles glatt läuft!

Ist ja auch logisch. Was macht man mit der Wohnung, wenn keiner da ist, der die Abgaben bezahlt? Fremde Staatsbürger sind ja nicht haftbar. Dass das meine Eltern tun hilft mir nicht viel, solange ich keinen schriftlichen Beweis dafür erbringen kann. Also muss ich auf Bitte von Frau Jeni, eine Vollmacht für diesen Zweck ausstellen. Außerdem muss ich noch beweisen – weiß nicht wie – dass ich seit mindestens fünf Jahren durch keinen Arbeitsvertrag im Lande gebunden bin. Die Tränen steigen mir in die Augen.  Freundlich erklärt man mir, wo sich in der Nähe ein Notarbüro befindet und Frau Jeni verspricht, bei der Rückkehr, mich sofort als Erste zu bedienen.

 

Draußen auf einer Bank überlege ich wie es am besten weitergeht. Wem soll ich eine Vollmacht geben? Die Ausweisinformationen von meinen Eltern kenne ich nicht auswendig und ich traue mich nicht, sie jetzt anzurufen. Aus einem Türrahmen nebenan beobachtet mich ein staubiger junger Mann, der gierig an seiner Zigarette zieht. Instinktiv greife ich fester nach meiner Tasche.

Am Telefon erkläre ich Laura ausgiebig die ganze Sache. Laura ist gerne bereit, als meine angebliche Bevollmächtigte zu fungieren und gibt mir Ihre Daten durch. „Falls ich später etwas Kleingeld brauche, kann ich immer noch Deine Wohnung verkaufen“ – scherzt sie. Ja, ja, diese Leichtigkeit. Der freche junge Mann verliert mich nicht aus den Augen. Ich ihn auch nicht.

***

Ein junges Fräulein öffnet mir die Tür zum Notarbüro in der Nachbarschaft. Wie’s aussieht bin ich die erste Kundin, rechne also zumindest mit keiner Wartezeit. „Nehmen Sie bitte Platz“ – bittet mich die Sekretärin. „Frau Notar muß jede Minute auftauchen“. Obwohl die Öffnungszeit schon längst um eine halbe Stunde überschritten ist, ist die Frau Notarin noch nicht auf der Arbeit erschienen. Jetzt bin ich über die kurze Verschnaufpause froh, um ein wenig mehr Ordnung in meine Gedanken zu bringen.

Von wegen „keine Wartezeiten“! Eine halbe Stunde später hat sich immer noch nichts verändert. Die Zeit rennt mir davon. Rachegedanken schießen mir durch  den Kopf. Wenn ich diese Woche nicht den Antrag stelle, muss ich dann vielleicht wieder nach Berlin fliegen? Im Frühling habe ich dort eine Frau getroffen, die zum fünften mal angereist war, und jedes mal noch ein anderes zusätzliches Papier liefern musste, welches sie natürlich nicht dabei hatte. Vielleicht klinge ich mit meiner übertriebenen Angst ein bisschen komisch und hysterisch, aber es hat alles wirklich schon mal gegeben. Dass man von den Behörden zurückgewiesen wird, ist eher die traurige Regel, nicht die Ausnahme.

Kaum eine Stunde Verspätung, schon ist die Notarin da! Die Frau ist schlecht gelaunt; vielleicht musste sie auch irgendwo auf irgend eine unzuverlässige Person warten. Ich verhalte mich zahm. Aus meiner eidesstattlichen Erklärung entstehen zwei schmucke, wichtig aussehende, offizielle Urkunden. Da ich tatsächlich seit genau fünf Jahren das Land verlassen habe, stimmt zufällig auch meine Aussage betreff „Null Arbeitsverhältnisse“. Womit füllen all diejenigen, die nach drei Jahren in Deutschland eine Zustimmung zur Einbürgerung erhalten, dieses klaffende Loch von zwei Jahren, die in Rumänien noch dazu verlangt werden? Wahrscheinlich auch mit einer eidesstattlichen Erklärung, wo drin steht, dass, ihrer Meinung nach, die letzten drei Jahre als fünf zu betrachten seien. Das Problem ist, wenn man tatsächlich die fünf Jahre abwartet, so wie ich es getan habe, läuft automatisch der Ausweis ab. Und ohne Ausweis kann man bekanntlich kein Führungszeugnis und keinen Finanzbescheid beantragen, was dazu führt, dass man die Staatsangehörigkeit nicht loswerden kann. Also beantragt man einen neuen Ausweis, aber den kriegt man auf normalen Wegen nicht, weil man den ersten Wohnsitz nicht mehr im Lande hat. Und so beißt sich die Katze in den Schwanz... Zum Glück stimmt nicht immer die Theorie mit der Praxis überein. Egal wie ehrlich mich Isidor beschimpft hat, von wegen „ich nähre die Korruption“, die Lage hat sonst keinen Ausweg. Möchte mal sehen, wie er diesen Knoten löst!

Zurück zu Frau Jeni, samt Schachtel Pralinen, für sie und für Ihre gut aufpassenden Kolleginnen. Der suspekte staubige Mann steht nicht mehr im Türrahmen. Meine Unterlagen wandern zwecks Bearbeitung zu Frau Jenis´ Vorgesetzten. Wir sitzen da und plaudern wie alte Freundinnen, genüßlich an den Pralinen lutschend. Die Erklärung für ihrer Ausstrahlung ist ganz einfach: sie ist eine frisch gebackene Mutter. Gerade noch vor ihrem vierzigsten Lebensjahr geschafft, so ein süßes Baby! Ohne weiteres geht sie in die Offensive, überschüttet mich mit Argumenten, selbst Kinder zu kriegen, und mahnt mich zur Eile. Ich denke „nicht schon wieder Hektik, bitte nicht!“ und plötzlich fühlt sich mein Sessel ganz schön heiß an. Normalerweise diskutiere ich nicht einmal mit meinen besten Freundinnen darüber. Die Frau strahlt so viel Glück aus, dass es mir unmöglich ist ihr das übel zu nehmen.

Mitten in unserem Gespräch klingelt mein Mobiltelefon. Ein Bekannter aus Deutschland möchte ein Ferienhaus in Spanien mieten. Ich entschuldige mich: „bin gerade im Lande... anders gesagt ausserhalb, ähm...“. Bin ich jetzt drin? Wo ist daheim? Natürlich unterhalte ich mich auf Deutsch und mehrere neugierige Augenpaare richten sich auf mich. Entschuldigung, wollte mich nicht wichtig machen; „Schneeglöckchenhaltung“, ich fixiere mit scharfem Blick meine Zehenspitzen, bin rot bis an den Ohrenspitzen, Tränen steigen mir in den Augen. Bitte nicht weinen. Später ist Zeit zum ausweinen. Erst den Kram erledigen. Kraft sparen.

Inzwischen sind die Unterlagen fertig. Abschied von Frau Jeni; ich lasse mir ihre Telefonnummer geben, für den Fall, dass ich irgendwann Unterstützung zum Verkauf meiner Wohnung brauche. Die vielen offenen Versprechungen und Hoffnungen auf ein gemütlicheres Wiedersehen sammeln sich irgendwo in meinem Inneren, um mich später, nach der Rückkehr, wie ein einziges Ganzes zu belasten. Das weiß ich schon jetzt.

Der dubiose Mann steht wieder draußen. Diesmal hat er einen weißen Kittel an. Aus dem hinteren Raum dringt der Geruch frisch gebackenem Brotes. Also doch nur ein Bäckerlehrling, kein Verbrecher auf der Pirsch. Brot statt Schläge...

***

Noch keine ganze Minute im Taxi, und schon spricht mich der Fahrer mit angeblichem Witz an: „Warum schauen sie das Mädchen mit dem Minirock so streng an?“. Als Belohnung kriegt er von mir einen regelrechten Wortwasserfall auf den Kopf geschmissen. „Ich schaue ernst, weil ich gestresst bin, denn es ist spät, und falls ich nicht rechtzeitig meine Angelegenheiten regle, kriege ich keine zweite Chance mehr, denn ich fliege übermorgen zurück nach Hause! Kurze Röcke sind mir egal“, all das geschrien, nach traditionell rumänischer Art, denn der, der am lautesten schreit, behält am Ende automatisch recht. Sorry, er war gerade da... Weiß nicht ob er meine komplizierte Lage überhaupt begriffen hat, allerdings gibt er Ruhe und fährt in Windeseile zum Amt für Staatsangehörigkeiten. An Einfühlungsvermögen fehlt es ihm anscheinend nicht, denn er nimmt den kürzeren Weg, obwohl der über eine Einbahnstraße führt, und wir sind natürlich in der entgegenkommenden Richtung unterwegs. In Krimminalfilmmanier bezahle ich ihn hastig und steige aus. Ich nehme mir sogar noch die Zeit um eine Wartezeit von zehn Minuten zu vereinbaren, für den Fall, dass ich so schnell fertig werde.

Abgesehen von den Sicherheitsoffizieren, wartet heute vor der Behörde kein einziger Mensch. Das macht verdammt große Angst. Wo sind die großen Warteschlangen? Und die Autos aus ganz fernen Gegenden? Jetzt weiß ich, geteiltes Leid wäre mir lieber... Denn alles deutet darauf hin, trotz feste Arbeitszeiten aus dem Internet, dass das Büro geschlossen hat.

Vor dem Offizier tue ich so selbstbewußt wie mir die scheinbar hoffnungslose Lage erlaubt (nämlich unterwürfig wie ein geschlagener Hund). Er sieht mich an und, bevor ich ihn überhaupt etwas fragen kann, teilt er höflich aber bestimmt mit: „Heute arbeiten wir nicht mit dem Publikum“. Publikum – dachte ich mir – das ist genau das richtige Wort. Es muss sich um eine Vorstellung handeln. Das kann nicht die Wirklichkeit sein; ich sagte doch, ich bin im falschen Film.

Dabei war mein Flug extra so gedacht, um den letzten Arbeitstag der Woche – laut Internetinformation, donnerstags von 9:00 bis 13:00 Uhr – zu nutzen. Und es war gerade Donnerstag, 11:00 Uhr, verdammt noch mal!

Meine fest zusammengedrückten Zähne lösen sich allmählich. Ich sage: „Frau General erwartet mich“. Natürlich eine Lüge, denn mein Termin ist vor zwei Tagen gewesen. Der Offizier merkt sofort meine Unsicherheit («werden die geschult, um Lügen zu entlarven»?) und fragt nach dem Namen der „Frau General“.

Tina hatte mir vor zwei Tagen den Namen genannt. Wie war der nochmal? Auch sie hat darauf bestanden, dass ich ihn mir merke. Aber es ist wie verhext; er fällt mir nicht ein. Der Offizier blickt amüsiert, und dann passiert ein Wunder: er flüstert die ersten Buchstaben und ich ergänzt den Namen wie ein artiges Kind. Dann geht das eiserne Tor auf und ich betrete den Innenhof der Behörde. Heiliges Blechle, die Tür schließt leise hinter mir!

Ich nehme die erste offene Tür rechts und gelange ich in einen düsteren Warteraum mit mehreren Stühlen. Kein Mensch da, bis auf einen Herrn in elegantem Anzug, der einen großen Blumenstrauß in den Händen hält. Die Tür zum benachbarten Büro steht weit offen. Wieder Transparenz. Eine strenge Dame kommt heraus und wird vom eleganten Herrn mit „Frau General“ angesprochen. Mich fragt sie mit spitz angewinkelten Augenbrauen, was ich da zu suchen habe. Ich antworte stotternd, daß ich die Frau sei, von der ihre ehemalige Mitarbeiterin Tina T. am Dienstag gesprochen hat. „Wir arbeiten nicht nach Empfehlungen. Sie hatten am Mittwoch um zehn Uhr, während der normalen Arbeitszeit, einen Termin. Kommen Sie am Montag wieder“, kontert sie boshaft. Mir gerinnt das Blut in den Adern und ich setze meine gesamte letzte Kraft in den darauffolgenden Satz. Atemlos kommt es aus meinem Mund heraus: „Ich möchte auch keine spezielle Behandlung, sondern nur, dass jemand meine Akte entgegennimmt, die leider am Mittwoch noch nicht komplett war und, laut Informationen aus dem Internet sollte ja donnerstags normaler Betrieb sein, deswegen fliege ich ja auch übermorgen zurück und kann leider nicht bis Montag warten“. Doch die Dame verzieht überhaupt keine Miene und scheint mir überhaupt nicht zuzuhören. Heilige Maria, ist die taub?!

Sichtbar genervt von meinem verzweifelten Redefluß, wendet sie sich um und wirft mir ein „warten Sie hier“ über die Schulter zu. Ich sinke auf den Stuhl und nehme die Position ein, die mir momentan am bequemsten vorkommt: zusammengerollt wie ein Kind im Mutterbauch, die Hände fest zusammengedrückt, alles komplett geschrumpft. Hauptsache, so wenig wie möglich Platz einnehmen und ja nicht auffallen! Ich nehme an, ich sehe aus wie so manche Patienten aus der Psychiatrie, die auf den Fluren vor sich hin vegetieren. Bin keine Zierde für mein siegreiches Volk. Na, vielleicht fällt es denen nicht mehr so schwer, mich auch offiziell abzuschreiben.

Wie kann ich wegen einer blöden Geschichte mit harmlosen Papieren so verzweifelt sein? Das Ganze ist inzwischen zu einem trotzigen Heimspiel gewachsen, das ich aus abergläubischen Gründen um keinen Preis verlieren will. Was da auf dem Spiel steht, ist längst mehr als ein Aktenstand. Ich denke ernsthaft darüber nach, ob die vielen Hürden, die mir in den Weg gestellt werden, vielleicht eine Art Probe sind, um die Festigkeit meiner Entscheidung zu prüfen. Wer sind wir schließlich, um selber entscheiden zu dürfen, welcher Nation wir angehören? Steht uns diese Wahl überhaupt zu? Kann man das überhaupt ändern, oder ist das vielleicht nur eine kosmetische Aktion, die von geduldigem Papier „scheingültig“ gemacht wird? Man wird schließlich an einem bestimmten Ort in einer bestimmten Umgebung geboren, und Schluß, fertig! Ist unser Schicksal wirklich derart flexibel, je nach Wünschen und Vorstellungen? Ob das nicht doch Dinge sind, die ich nicht ändern darf? Doch wenn das so ist, dann darf man doch nicht mit der Möglichkeit winken, die Staatsangehörigkeit offiziell ablegen zu dürfen. Man bietet doch nicht etwas an, was es nicht gibt. Für mich steht eines fest: solange das als möglich angeboten wird, will ich auch von meinem Recht Gebrauch machen.

 Von diesen „existentiellen Fragen“ werde ich durch Frau Generals harte Stimme gelöst, die mich lapidar einer Mitarbeiterin vorstellt: „Prüfen Sie bitte die Akte der Dame. Sie wissen schon, einer dieser Internet-Fälle ...“. Ich bin sprachlos. Also kennt sie das Problem mit den falschen Angaben im Internet und mich hat sie solange zittern gelassen! Böse kann ich ihr nicht sein, im Gegenteil, ich bin ihr plötzlich sogar dankbar. Was ist das für eine Mischung von Respekt und Abneigung, die meine Gefühle durchwühlt? Für diese mächtige Frau bin ich lediglich ein kleiner Fall von vielen.

Das junge Mädchen, mit intelligent funkelnden Augen, führt mich zu ihrem Büro. Zum ersten mal in dieser Woche fühle ich mich so behandelt, wie ich es aus dem Ausland gewöhnt bin. Ohne falsche, übertriebene Freundlichkeit, ohne zu viel Gerede, korrekt und dezent, mit sachlicher Zuneigung. Die Angestellte fragt und ich antworte; so einfach ist das. Sie durchblättert meine Akte und nickt anerkennend. Auch erklärt sie, dass die Internetseiten im Dauerauftrag an eine Softwarefirma vergeben sind, die sich lange nicht mehr darum gekümmert hat. Mit professionellem Blick erkennt sie die ihr wahrscheinlich längst vertrauten Zettel, Bescheinigungen und offiziell beglaubigten Kopien und legt alles sorgfältig zur Seite. Die gerade zwei Tage junge rumänische Heiratsurkunde, die mich so viel Kummer gekostet hat, wird nur kurz angeschaut und dann zurückgereicht. Ihr reicht eine Kopie. Welch Ironie! Wie oft im Leben arbeiten wir uns mühevoll an ein Ziel heran um dann unseren Erfolg nicht länger als ein paar Momente zu genießen? Da fällt mir gerade die Geschichte vom erschöpften Schüler ein, der zwei Tafeln voll mit Kreide beschriftet, um an das Endergebnis einer Gleichung zu kommen = 0. Sein Mitschüler begrüßt ihn etwas verbittert bei der Rückkehr in der Schulbank: „Hast Dir so viel Arbeit gemacht, für Nix“.

Auf Wolke Sieben schwebend (das rumänische Äquivalent lautet „im neunten Himmel“, denn hier braucht man wirklich für alles längere Aufenthalte), plappere ich ununterbrochen dem Mädchen die Ohren voll. Über die falschen Angaben auf der Internetseite, von meinen Abenteuer in Berlin und in der letzten Woche, mit dem Ausweis usw. Ein Teil dieser Informationen ist gar nicht für das öffentliche Ohr bestimmt, doch ich weiß auch nicht warum ich mich plötzlich bei ihr so gemütlich wie in meiner lang ersehnten Familie fühle. Mit ganz knappen Antworten und sogar mit offensichtlichem Überhören deutet sie mir delikat an, daß es letztendlich nicht mehr wichtig ist, solange ich es geschafft habe. Erst später wird mir klar, dass unser Gespräch wahrscheinlich sorgfältig von jemand anderem mitgehört oder vielleicht sogar aufgenommen worden ist. Kann ich das Letzte bitte noch heraus schneiden?

Nun ja, wie dem auch sei, ich habe das Gefühl, dass meine Akte diesmal wirklich vollständig ist. Die Sachbearbeiterin ist fast der gleichen Meinung, denn siehe da, es gibt wieder einen klitzekleinen Haken, meine euphorische Stimmung kriegt einen sanften Dämpfer. Ich glaubte ich höre nicht richtig, lasse es dann aber mit fast gewohnter Lässigkeit über mich kommen. „Sehen Sie, die deutsche Einbürgerungszustimmung ist sehr wichtig, sie ist praktisch der Grund der Entlassung aus unserer Nationalität. Sie haben das sorgfältig übersetzen und apostillieren lassen, ja sie haben sogar auch die Übersetzung vorsichtshalber apostilliert. Wir vom Außenministerium kennen das Siegel sehr wohl,  aber ich weiß nicht ob die Bearbeitungsstelle auf dem Justizministerium daran gewöhnt ist. Verstehen Sie mich nicht falsch, aus unserer Sicht sind Ihre Papiere wirklich in Ordnung, aber wir nehmen sie nur an. Bearbeitet werden sie anderswo. Wenn sie wirklich Nummer sicher gehen möchten, wäre es schön, dieses Blatt noch einmal von einem vereidigten rumänischen Übersetzer bearbeiten zu lassen.“

Dabei ist diesmal die Apostille sogar mit echtem Wachs! Unnötig zu erwähnen, dass eine Apostille nicht unbedingt preiswert ist, selbst in Deutschland nicht... Aber es ist in meinem Interesse, alles so gut wie möglich vorzubereiten. „Wo finde ich jetzt einen Übersetzer, der die Arbeit so schnell macht?“ Dann empfehlt sie mir ein Büro ganz in der Nähe und erzählt, dass dort in einer Stunde alles erledigt wird, wenn ich bereit bin, den Extrapreis für Eilaufträge zu bezahlen. Klar bin ich das! Ja, sie wird solange warten, bis ich die Übersetzung zurück bringe.

Mein Taxifahrer ist schon längst weg, also laufe ich so schnell wie möglich zum nächsten Taxistand und fange gleich mit einer Entschuldigung an: „Bitte, ich weiß, daß es sehr nahe ist, aber ich muss ganz dringend dorthin...“ Der Taxifahrer hat keine Einwände und fährt mich die zwei Kilometer zum Übersetzungsbüro. Mit den roten Ampellichtern und mit den Straßenbahnschienen nimmt er es auch nicht ganz so genau. Trotz nicht unbedingt entspannender Fahrweise, findet er ab und zu Zeit, um mit mir zu plaudern. Mächtig stolz ist er auf seinem Fiat und weil ich ihm erzähle, dass ich auch ein Fiat fahre, will er unbedingt wissen welches Modell. Dass mein Auto ein Cabrio ist, macht ihn besonders neugierig. Auf so einer kurzen Strecke schafft er es, einen Haufen Informationen über den Zustand der europäischen Autobahnen und die entsprechenden Mautgebühren aus mir heraus zu wringen. Am Ende verabschiedet er sich mit dem geflügelten Satz, der heutzutage in Rumänien viel kursiert: „Ich freue mich, auch glückliche Rumänen gesehen zu haben“ und wünscht mir weiter viel Glück.

Schon vor dem Übersetzungsbüro klingelt mein Telefon. Mein Mann fragt ob ich endlich die Papiere eingereicht habe. Ich kann ihn mir bildlich vorstellen, wie er sich nach dem Frühstück in aller Ruhe ans Telefon setzt, sich eine Zigarette anzündet und mich anruft. Ich, hingegen, eiere schon seit Stunden durch die Gegend und bringe es lediglich auf immer mehr Blasen und Druckstellen an meinen Füßen.

Nachdem er sich die abgekürzte Form des Tagesablaufes anhört, reagiert er empört auf die Vorstellung, daß die Apostile womöglich nicht anerkannt wird. „Sind die jetzt alle verrückt?“ – fragt genervt der sonst so ausgeglichene Germane, der es meistens auf seine sanfte Art schafft, meine Nerven zu beruhigen. „Nein, Schatz, das hast Du falsch verstanden, hier sind nicht alle verrückt, die sind alle normal, ich bin anders. Also bin ich die Verrückte“. Doch, ehrlich gesagt, die Lage ist gar nicht mehr so dramatisch; mit etwas Glück kann ich in spätestens zwei Stunden alles hinter mir haben.

Im Übersetzungsbüro wird mir tatsächlich versprochen, in einer Stunde die Urkunde fertig übersetzt zu haben. Zwar verlangen sie dafür einen Haufen Geld - nicht nur für rumänische Verhältnisse - doch das ist das kleinste Übel. Zum ersten mal habe ich eine Stunde frei zu meiner Verfügung und muss nicht selber etwas unternehmen, sondern kann andere für mich arbeiten lassen. Das fühlt sich verdammt gut an. Prompt schaltet mein Gehirn auf die nächste Priorität um, die heißt: FÜSSE. Meine Zehen schmerzen; habe Rosas Hansaplast schon längst mehrfach ausgewechselt, doch es hat nicht viel gebracht. Auf einem Einkaufsbummel in der Nähe könnte ich bequemere Schuhe kaufen.

Doch vor dem Geldausgeben kommt erst wieder mal Geldwechseln. In einer privaten Wechselstube sitzt eine Frau und plaudert mit dem Security. Ich gehe hinein, der Uniformierte geht raus und postiert sich vor der Tür. Sobald ich draußen bin, spaziert die Sicherheitskraft wie ein ferngesteuerter Zinnsoldat wieder hinein.

Zwei Straßenbahnhaltestellen weiter befindet sich ein riesiger Marktplatz. Es ist die Balkanversion eines Einkaufserlebnisparks, hierzulande ziemlich berühmt. Wenn ich Erlebnis sage, dann ist damit ein wirkliches Erlebnis gemeint: man findet unter einem Dach sowohl den gesamten glänzenden Kitsch der Türkei wie auch Teile von Steilmann oder italienischen Designern, die in Rumänien gefertigt werden, und ganz preiswert zu ergattern sind. Außerdem kann man an jeder Ecke angesprochen, in ein kompliziertes Verhandlungsgespräch eingewickelt, oder direkt beklaut werden. Obst, Gemüse und lebende Tiere gibt es natürlich auch. Um das kurz zu fassen: hierbei handelt es sich um einen Ort, um den Leute mit gesundem Menschenverstand einen riesigen Bogen machen. Aber ich kann bei jedem meiner Bukarestbesuche der Versuchung nicht widerstehen, irgend ein Schnäppchen dort auszugraben. Der dekadente Geschmack für solch exotisches Durcheinander steckt einfach zu tief in meinen Adern. Meine Freundinnen beschimpfen mich immer wieder, wenn ich „es mal wieder getan habe“. Mein stures Verweigern jeglicher zivilisierter Designerläden der Hauptstadt wird als persönlicher Affront empfunden.

Nach dem ersten Impuls, sofort wieder davonzulaufen, saugt mich die bunte Menschenmasse in das Labyrinth der zweifelhaften Boutiquen auf. An einem Stand gibt es den Nivea Nagellack, den ich vor Jahren sehr gern benutzte und der seitdem leider nicht mehr fabriziert wird. Toll! Der Vorteil ist, wenn man aufmerksam genug sucht, trifft man womöglich die eigene Vergangenheit, recycled und als gute Fee im Sonderangebot. Eine winzige Brosche, unaufdringlich und eher symbolisch, als kleine Aufmerksamkeit für das nette Mädchen vom Büro für Staatsangehörigkeit, ist das nächste was ich kaufe.

Auf einem langen Tisch reihen sich hunderte besonders bequemer Sandalen, alle vom selben Modell. Vom ergonomischen Eindruck verzaubert, kaufe ich auf Anhieb ein Paar und behalte sie gleich an. Mit 25 Euro sind sie recht teuer, aber die unschlagbaren Argumente überzeugen mich: „Es ist zurückgeschickte Exportware, ein österreichisches Model mit tschechischen Sohlen, hier angefertigt“.

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir bei abgelehnter Exportware jemals in Rumänien nach dem Grund dafür gefragt haben. Allein die Tatsache, dass etwas ursprünglich für das Ausland bestimmt ist, veredelt die Sache dermaßen, dass wir uns begeistert darauf stürzen. Es spielt dabei keine Rolle ob das Ausland USA oder China ist. So kommt es, dass wir uns jahrelang von „amerikanischen Hühnerschenkeln“ ernährten (bestehen die Vögel in Amerika bloß aus Beinen oder handelte es sich um zehn Jahre altes, tiefgefrorenes Fleisch?). Geschrieben haben wir alle mit feinen chinesischen Füllfedern.

Diesmal frage ich mich, welch naiver Investor, diese gesamte Sandalenproduktion wohl einbüßen musste, weil irgend etwas mit dem Geschäftspartner nicht einwandfrei funktioniert hatte. Dieses Paar Schuhe kostet ungefähr ein Drittel von dem, was mein Vater – pensionierter Lehrer und ehemaliger Schuldirektor – als monatliche Rente kriegt. Wahrhaftig ein anderes Paar Schuh´.

 

Mit völlig neuem Schreit- und Tretgefühl, kehre ich fröhlich zum Übersetzungsbüro zurück. Auf dem Weg dahin fällt mir eine Frau auf, die einen überdimensionalen, kunstvoll verzierten Holzlöffel aufgeschultert schleppt, etwa in der Manier, in der die Bauern ihre Sensen auf dem Lande tragen. So einen Drachenlöffel könnte ich mir als Dekoration in unserem Haus gut vorstellen. Den will ich haben (verwöhntes Gör!) Bunte, traditionelle Gewänder, Holzschnitzereien, Teppiche und Glasmalereien, wie ich die früher gehasst habe! Ja es graute mir sogar davor, diese naiven volkstümlichen Gegenstände überhaupt in meiner Nähe zu wissen. Vor allem konnte ich die Touristen nicht verstehen, die das leidenschaftlich kauften und horteten. Mittlerweile erscheinen mir diese Sachen exotisch und erstrebenswert. Soviel zum Landestypischen.

Schade nur, daß der Souvenirladen um die Ecke geschlossen hat. An der Tür hängt eine ordentliche Öffnungszeit, doch wen interessiert das? Danach sollte es eigentlich offen haben, aber das Schloß ist dran und von der Verkäuferin fehlt jede Spur. Aha „wir tun so als ob wir arbeiten, sie tun so als ob sie uns bezahlen“. Wahrscheinlich hat der Laden sowieso nicht den entsprechenden Löffel für mich im Angebot.

Die Übersetzung ist fertig. Das Mädchen auf dem Amt ist tatsächlich immer noch da und wartet auf mich! Das gute Stück wird begutachtet und in den von mir mitgelieferten Aktendeckel gesteckt (kein Witz, der Aktendeckel war als letzter Posten in der Liste gefürt). Die Bestätigung über das Einreichen, mit Datum, Stempel und Auskunfttelefonnummer (darauf achte ich penibel) wird mir – heiliges Wunder – in einer Plastikschutzfolie, die ich nicht bezahlen muss, ausgehändigt. Das erste mal, dass ich auf einer rumänischen Behörde etwas geschenkt erhalte! Es ist durchaus möglich, dass ich in den folgenden Wochen per Brief zum Liefern weiterer Unterlagen aufgefordert werde, falls sich die Gesetzlage inzwischen, wie üblich, ändert. Darum rät sie mir, mich in den nächsten fünf Monaten in Geduld zu üben, denn die Bearbeitung beginnt erst im Herbst, nach den Sommerferien. Laut Erfahrung der Deutschen Behörden kann ich mich sowieso getrost eher auf ein weiteres Wartejahr einrichten. Na und?! Die Kommission wird meine Gründe prüfen, doch es besteht – wenn auch nur rein theoretisch – die Möglichkeit, dass mein Antrag abgelehnt wird.

Frau General schaut kurz vorbei. Ob meine Papiere in Ordnung seien, fragt sie, was das Mädchen artig bejaht. Mein kleines Geschenk lehnt die junge Frau bestürzt ab: „sie machen mir Probleme“ – und schielt zu einer Ecke des Büros, wo eine ihrer Kolleginnen just in diesem Augenblick unbedingt etwas zu tun hat. Aha, Überwachung! Bevor ich die Tür hinter mir schließe, hänge ich noch einen leisen Abschiedsgruß in die Luft, in die Richtung, in die die strenge Frau General verschwunden ist. Auf irgendeinem Monitor wird sie wohl meine Geste gesehen haben.

 

***

Einmal tief durchatmen. Aus! Vorbei. Mein nächstes Ziel habe ich schon im Auge: zur Fluggesellschaft, nach Hermannstadt fliegen, meine Eltern besuchen. Schon aus dem Taxi telefoniere ich mit allen Beteiligten und bedanke mich für die gelungene Aktion.

Bei „Inlandflüge“ ist der Nachmittagsflug nach Hermannstadt nicht angegeben. Die Frau am Schalter behauptet, der sei gestrichen. Wie bitte, nach fünfzig Jahren, ausgerechnet jetzt?! Selbst in den ärgsten kommunistischen Zeiten gab es diesen Flug! „Dann muß es doch irgend eine andere Möglichkeit geben hinzufliegen“, lasse ich nicht locker. „Natürlich. Sie können entweder von München aus oder von Larnaca dahin fliegen“ – kommt die prompte Antwort. Die meint es ernst. Wo ist Larnaca, in Griechenland? Bin sprachlos.

Zumindest  ein Flug nach Deutschland für meine Mutter, in September, müsste buchbar sein. Nachdem ich ausgiebig erkläre, dass ich im Ausland vergeblich versucht haben, ein Ticket ausgestellt zu kriegen, erbarmt sich die Angestellte und fängt die Buchungsprozedur an. Nicht bevor sie mir genervt erklärt, dass unsere Agentur im Ausland inkompetent sein muss, denn Tarom-Tickets kann man überall drucken. Vergeblich erkläre ich weiter, dass nur die Reservierung klappt, aber das Ausstellen, wegen einer schwachen Koordinationsstelle zwischen den Computern, einfach nicht möglich ist. Ich werde mitleidig beäugt.

Allerdings braucht sie selber zwanzig Minuten, bis alles klappt. Tatsächlich wird sich in September vor dem Abflug herausstellen, dass sie mir ein Ticket ohne gültige Reservierung verkauft hat. Zum Glück wird dann die Maschine nicht voll sein, und meine Mutter trotzdem fliegen können. Doch all das weiß ich im Moment natürlich noch gar nicht. Und es ist gut so.

Mit Muttis Ticket in der Tasche gehe ich hinaus und merke wie mein Traum von der Heimreise zerplatzt. Mit dem Zug würde es einen Vierteltag dauern. Da ich nur noch den Freitag bis zum Rückflug frei habe, würde ich theoretisch nur noch im Zug sitzen.

Geschlagen und benommen von den vielen Ereignissen meines, laut Horoskop, „besten Jahrestages“, habe ich jetzt genügend Zeit, um mich ein bisschen in der Hauptstadt umzuschauen. Mit gemischten Gefühlen trete ich den Stadtbummel an. Als erstes, die Gemäldegalerie besichtigen, für die ich während der vielen Jahren, die ich in der Heimat verbrachte, nie Zeit hatte. Ein ganz bestimmtes Mädchenportrait möchte ich finden und eventuell auch ein großes Poster davon kaufen.

Meine Füße schmerzen. Mitten in den Sohlen weisen die neuen Sandalen eine „ergonomische“ Erhebung auf, und genau die macht mir zu schaffen. Zumindest drückt jetzt der Schuh an einer völlig anderen Stelle. Bin weiter bedrückt, auch wenn aus anderen Gründen; stimmt nicht nur rein wörtlich, sondern auch metaphorisch! Jetzt weiß ich warum die Sandalenproduktion nicht den Weg in den Export geschafft hat. Darauf trinke noch ein Fläschchen Wasser, denn anscheinend hat der Erfolg mit den Papieren meinen Durst nicht gelöscht. Die Schuhe laufe ich noch ein; es gilt entweder sie oder ich.

Habe den falschen Museumseingang gewählt. Eine nette Frau sitzt allein in ihrem Glaskasten und wartet vergeblich auf Besucher. Die Frage nach dem gewünschten Portrait weckt sie auf. „Wie meinen Sie, kaufen? Das kann man nicht kaufen. Es gehört mit zum nationalen Patrimonium“. Nein, als Poster. „Das Kultusministerium hat kein Geld um die machen zu lassen.“ Statt dessen verkauft sie mir ein Paar Postkarten, mit Kopien rumänischer Gemälde, und erklärt mir, in welchem Gebäudeflügel sich die Ausstellung befindet. Ich hinterlasse ein paar Münzen als Rest, drehe mich aus der Tür noch einmal um und sehe wie sie sich bereits wieder über ihr Strickzeug beugt.

Der Portier begleitet mich zum richtigen Eingang. Diese Ausstellung, kaum ausgeschildert, ist die wichtigste ihrer Art im Lande. Drinnen spielen zwei Uniformierte Backgammon in einer Ecke. Eine Frau macht gleichzeitig die Kassiererin, die Garderobenbedienung und die Eintrittsaufseherin. Meine Siebensachen gebe ich ab – die wichtigen Papiere behalte ich vorsichtshalber bei mir – steige die Treppe zum ersten Stock hinauf und merke erst ganz spät, dass ich auch mein Handy abgegeben habe. Wieder die Treppe runter um es zu holen. Erschrocken fahren die zwei Sicherheitsbeamten hoch und sehen mich vorwurfsvoll an. „Was is’?“. „Ach nichts, ich habe nur mein Telefon vergessen“ Spielt weiter. Hier rennt keiner, niemand hat es eilig. Ich bin überhaupt die einzige Besucherin des Riesenmuseums. Die Ruhe und Einsamkeit habe ich gesucht; jetzt bekommt sie mir nicht ganz so gut.

Zum ersten mal in meinem Leben sehe ich die Gemälde, die ich aus dem Fernsehen kenne, und verschaffe mir ein ordentliches Bild über die gesamte rumänische moderne Malkunst. Bin beeindruckt. Unsere Kunst wirkt auf dem ersten Blick überraschend vielfältig. Warum auch nicht? Man pflegt uns als kleines Volk zu betrachten, dabei sind wir 23 Millionen, viel mehr als die Ungarn, die Schweizer oder die Österreicher, zum Beispiel. Nun verspüre ich wieder Stolz für die Angehörigkeit zu einer Nation, von der ich mich praktisch gerade trennen will. Diese Besichtigung wird auf Ewigkeiten in meiner Erinnerung festgebrannt bleiben, zusammen mit dem Gefühl, das warme Telefon in der Hand zu halten (ich hatte sonst keine Tasche).

 

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Zwei Stunden später, auf einer Bank vor dem Museum überlege ich was aus dem restlichen Tag wird. Bin zu müde. Kati wird mich abends auf der Couch finden, selig mit einem ihrer Stofftiere auf dem Arm schlafend. Auch die Alarmanlage an der Tür werde ich erfolgreich entschärft haben. Beim Aufwachen, brauche ich ein bisschen Zeit um zu kapieren, dass ich gar nichts mehr zu erledigen habe. Komisch; auf keinen Fall habe ich jetzt Lust, meine ungeweinten Tränen zu weinen. Wo verschwinden die Emotionen, die wie verdrängen? Abgetan, vergessen?

Die letzten zwei Nächte übernachte ich bei Clara. So hat jeder was von mir, ha, ha! Clara holt mich ab. «Mein Gott, bin ich verwöhnt»! Vor dem Lebensmittelladen bleibe ich im Auto eingesperrt und sie kauft ein. Der Inhalt ihres Kühlschrankes gleicht sonst dem, den ich früher hatte: ein Joghurt. Für alle Fälle erklärt sie mir, ich darf mich auf keinen Fall von Passanten oder frechen Kindern irritieren lassen und ja nicht die Autotür aufsperren. Obwohl ich mittlerweile selbst sehr ängstlich bin, finde ich das übertrieben. Wie im Museum, spaziert die Welt langsam an meinem Auto vorbei.

Auf einer Mauer sind obszöne Worte mit Graffiti geschmiert. Das beruhigt; es ist ein Zeichen von Freiheit, viel besser als in den Zeiten, als keinem von uns eine eigene Meinung gestattet war. Leider gelingt es mir nicht, meine Gelassenheit auf Clara zu übertragen. Meine komischen Grimassen, die Nase gegen die Scheibe gedrückt, so als wäre das Auto mein Gefängnis, bewirken nur ein mitleidiges Lächeln.

Zum ersten mal in dieser Woche kommen wir auf Gesprächsthemen ohne Behördenkram. Die alten Zeiten holen uns ein, das Bittere  bleibt vergessen. Aufatmen! Spät nach Mitternacht schlafe ich erschöpft ein. Am nächsten Tag berichtet Clara amüsiert, dass ich  bereits eingeschlafen war und doch weiter verzweifelt versuchte, ein vermutlich mir wichtiges letztes Wort mit den Lippen zu formen. Wahrscheinlich wollte ich den Satz noch ausdrücklich mit Punkt beenden. Wie beim Tennis.

Freitag

            Der Countdown

 

Um halb sieben in der Früh geht Claras Weckradio mit Nachrichten auf uns los. Voller Vorfreude auf den „Erlebnistag“ springe ich aus dem Bett, nicht zu begreifen, warum ich nicht weiter schlafe. Im übrigen kann ich mir meinen Elan auch nicht erklären; von wegen „hundemüde nach der Marathonwoche“! Clara würde gern an meiner Stelle weiter schlafen, wenn sie nicht arbeiten müsste.  Ihre einzige Freude ist das Wochenende und, implizit, die Erholung („nachdem auch ich am nächsten Morgen wegfliegen werde“ – ergänze ich höhnisch, aber das wird sie nie im Leben zugeben).

Nun ist sie weg. Ich genieße die Freiheit, alleine in der Wohnung zu baden und zu frühstücken und spreche mit dem Plüschhasen, der auf dem Küchenstuhl sitzt, aber nur weil ich weiß, dass uns keiner zuhört.

Rosa verabschiedet sich telefonisch für die nächsten zwei Wochen. Heute fängt ihr langer Urlaub an; mit ein bisschen Glück sehen wir uns bald in Spanien. Anstatt Bargeld für die Reise nimmt sie lieber ihre Kreditkarten mit. „Dann sollen die mir mal zeigen, dass das kein Geld ist“ – droht sie, dem Ersticken nahe. Wir wünschen uns gegenseitig eine gute Reise und viel Glück.

Jetzt hätte ich die nötige Ruhe und Zeit, um mich mit meinen Eltern auszusprechen. Also rufe ich sie an, bin aber zu feige um ihnen meinen wahren Standort zu verraten. „Wie ist denn das Wetter in Spanien?“. „Tja, eigentlich ganz passabel.“

Zu Fuß zur Bushaltestelle, durch den sommerlichen Morgen, einmal ohne Eile und ohne Streß! Ein Genuß! Unter anderen Umständen würde ich mich wahrscheinlich fürchterlich aufregen, weil sich der Bus um eine halbe Stunde verspätet. Doch diesmal bin ich sogar froh, für eine Weile die Menschen beim Vorbeispazieren zu beobachten und mich genüßlich zu sonnen. Der kleine Kiosk, wo man früher Fahrkarten kaufen konnte, hat sich „privatisiert“. Das Angebot: DEOs, Rasierklingen, Cola, Kugelschreiber, Kondome, Schokolade, nur keine Fahrkarten. Für Tickets hat der Kiosk von Gegenüber die Lizenz. Pech für den „Privatier“.

Auf der anderen Straßenecke steht immer noch der Laden, an dem ich jahrelang meine Einkäufe getätigt habe.  Der Glaskasten, der als privater Lebensmittelladen früher ohne Genehmigung für uns fungierte, hat sich inzwischen in ein modernes Gebäude umgewandelt. Die selbe Verkäuferin bedient, allerdings jetzt mit schneeweißem Häubchen und Plastikhandschuhen. Selbe Marie, anderer Hut.

Vom Bus aus kann ich sowohl die Stadt wie auch die Fahrgäste beobachten. Jedes mal, wenn wir eine Kirche passieren, machen sich viele Leute ein Kreuz. Die stumme Geste des Glaubens, mit ernstem Blick nach innen gerichtet, hat nicht viel Heiliges an sich. Es ist eher lustig zu beobachten, wie sich alle, von unsichtbarer Hand geleitet, synchron bewegen. Es gibt viele Kirchen in Bukarest. Nach den ersten vier, überrasche ich mich selbst, wie ich mit der Zungenspitze im Mund ein kleines Kreuz mache, so dass es keiner sehen kann. Man weiß ja nie; es kann nicht schaden. Außerdem tun das  alle, also warum nicht auch ich?

 Kein Wunder, daß ich auch abergläubisch bin, wenn man mit solchen Bräuchen aufwächst. Wie gesagt, es gibt viele Kirchen in Bukarest. Viel mehr als man früher vermutete, denn der Diktator hatte einen großen Haß auf alle Religionen die eventuell der Partei Konkurrenz machen konnten. Also ließ er viele Kirchen abreißen. Doch die Menschen hatten Angst, Gottes Häuser anzugreifen. Sie schafften es meistens, die kleinen Kultstätten hinter dichten Bäumen oder hohen Wohnblöcken zu verstecken. So konnte der Tyrann beim Vorbeifahren nicht durchblicken. Der Liebe Gott war auch zufrieden.

Einmal sind die Architekten so weit gegangen, dass sie eine gesamte Kirche auf Schienen stellten und ein paar hundert Meter weiter aus dem Weg schoben. Ich kann mich genau erinnern, wie die „wandernde Kirche“ damals für uns alle ein großes Schauspiel darstellte. Wir versammelten uns in großen Mengen zum Gaffen. Und so hat unser „Volkssteuermann“, ohne sein Wissen und gegen seinen Willen, so böse wie er auch gewesen sein mag, doch die Kirche im Dorf stehen gelassen.

 

Beim Nationaltheater stelle ich enttäuscht fest, dass die Veranstaltungen über den Sommer eingestellt sind. Es gibt lediglich eine  Ausstellung über die deutsche Minderheit in Siebenbürgen und Banat. Genau das richtige für mich, bevor ich den Karpaten „Tschüs“ sage.

Eine einsame Frau sitzt in einer Ecke und liest ein Buch. Berührt erzählt sie mir, dass ich lediglich die fünfte Besucherin seit drei Tagen bin. Das verleiht mir wahrlich nicht mehr Elan. „Heutzutage hat kein Mensch Zeit, um sich die traurige Geschichte dieser historischen Pechvögel anzuhören, die mittlerweile alle überdrüssig zurück in ihr Nest nach Deutschland geflogen sind“, bemerkt sie verbittert. „Dabei sind sie ein wunderbar ordentliches, tüchtiges Volk, das uns nur Gutes getan hat. Und immer auf dem zweiten Platz landeten. Schade! Dreihundert Jahre Tritte in den Hintern. Wer kann so etwas aushalten?“ Na, die Siebenbürger Sachsen und die Banater Schwaben offensichtlich, liegt mir auf der Zunge.

Ich vermute, sie ist selber deutscher Abstammung, doch wieso hat sie sich hierher verirrt? Obwohl ich eine „waschechte“ Rumänin bin, bewundere ich unsere längst verschollenen deutschen Mitmenschen und Institutionen genauso. Ich wollte schon immer eine von ihnen sein. Verblüfft stellte ich erst jetzt fest, dass es ihnen noch während ich sie bewunderte,  womöglich sogar schlechter als uns gegangen ist. Andauernd wiederholt sich das selbe Jammern auf Bildern, Plakaten und Tonbändern. Nur der unvergleichliche Akzent des heimischen Dialekts berührt mich tief im Herzen und erinnert mich an meine Kindheit. Vor dem Elend habe ich inzwischen einen Panzer gebildet. Seit Jahrhunderten haben sie verharrt und überlebt, in den eigenen Bräuchen und Redensarten eingefroren, wie seit Goethes Zeiten. Vor gar nicht langer Zeit, verlangten die Kommunisten von den Angehörigen aus Deutschland 20.000 Deutsche Mark pro Kopf eines jeden ausgeführten Familienmitgliedes. „Sozialistischer Humanismus“ wahrscheinlich. Mit dem Geld hat man für uns Beine von den amerikanischen Puten importiert. Oder chinesische Füllfedern, was weiß ich.

Inzwischen kehren die „Verkauften“ in jedem Urlaub zurück und fühlen sich nirgendwo mehr auf dieser Welt zu Hause. Ich kann mich ja als glücklich bezeichnen, da ich gleich in drei Ländern daheim bin, und, um ehrlich zu sein, fühle ich mich eigentlich fast nirgendwo auf unserem Planeten sonderlich fremd. Kaum zu glauben, dass es heutzutage immer mehr Verwirrte gibt, die sich nach den alten Zeiten sehnen.

Beim Verlassen der Ausstellungsräume fallen mir die furchterregenden Losungssätze aus der Schule ein: „Kannst Du nicht, dann helfen wir Dir! Weißt Du nicht, dann zeigen wir Dir! Willst Du nicht, dann zwingen wir Dich!“ Genauso stand das in unseren Schulbüchern.

 

***

 Bin in der größten Buchhandlung der Stadt. Ein Fest für die Sinne, eine Freude, die sich wie ein Rausch, gleich beim Riechen der frischen Druckertinte, einstellt! Wunderschöne Alben zeigen die Schönheit des einmaligen Donaudeltas oder die klare Sicht in den Karpaten. Die Anzahl interessanter Bücher ist so groß, dass ich mich nur ganz schwer entscheiden kann. Es ist so, als wäre die Kultur in Rumänien übermäßig gewachsen, um den leeren Platz auszufüllen, der sich im mangelbehafteten Alltag wie eine hungrige Kluft öffnet. Ich bin überzeugt, daß der Kulturverbrauch in Rumänien, unter Umständen sogar als wirkungsvoller Ersatz zur Bekämpfung des Hungers benutzt werden könnte.

Mit einer Auswahl von Büchern trete ich an die Kasse. Hier bieten sie auch Stofflesezeichen an; in traditionellen rumänischen Mustern von Hand gestrickt, für 30 Euro. „Wer verzichtet auf ein vierköpfiges Mittagessen in einem vornehmen Restaurant, und kauft statt dessen drei Streifen Stoff?“, wundere ich mich. Doch die Kassiererin ist unerschütterlich: „Die Ausländer, natürlich. Im Ausland ist das nicht viel Geld. Für die Touristen ist das ein reines Schnäppchen, glauben Sie mir!“. «Von wegen», denke ich und schweigen. Ich mag vielleicht angehende Ausländerin sein, aber dumm bin ich trotzdem nicht. 

Also nehme ich meine Bücher und bin froh, wieder in die Freiheit hinaus zu gehen. Doch bevor ich mich umdrehe steht schon ein Mikrofon vor meiner Nase. „Wir sind von den Tagesnachrichten. Würden sie uns bitte Ihre Meinung über den Vorschlag zur Erhöhung der Beamtengehälter mitteilen?“

„Ach du Schreck! Bloß das jetzt nicht!“, zucke ich in Gedanken zusammen. Wie sieht denn das aus, wenn mich meine Eltern ausgerechnet in den Abendnachrichten sehen? Sofort wortlos davonrennen! Dabei wünschte ich mir schon seit Jahrzehnte einen Auftritt im Fernsehen... Hinter mir höre ich noch die Stimme der Reporterin, die ihren Kameramann zum Weiterfilmen ermutigt. „Ihre Antwortverweigerung ist auch eine Art Äußerung“... Und ich dachte, der Freitag wird mein adrenalinfreier Tag!

Die Hauptstadt hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Selbst die Ampeln sind unglaublich modern, nicht nur mit Klingelton für Sehbehinderte sondern auch mit einem Digitalanzeiger ausgestattet, der die übriggebliebenen Sekunden bis zum Farbwechsel zeigt. Ein Countdown ist im Gange, so wie die Zeit, die mir noch vor meinem Rückflug bleibt, so wie die Tage bis zum Eintritt Rumäniens in der EU. Ein mechanisches Zählwerk, rigoros und gefühlsneutral. Ausgerechnet diese Ampeluhren verursachen eine Menge Unfälle, denn gutgläubige Autofahrer verlassen sich darauf, fahren bei Null los und prallten in der Mitte der Kreuzung mit der Sorte zusammen, die sich aus diesem modernen Schickimicki nichts macht. Alt trifft neu; und zwar heftig. Die Geschichte hat bewiesen, bei solchen Begegnungen gehen meistens beide Seiten mit Schaden davon.

In Sachen Offenheit für das Moderne beweisen die Rumänen ohnehin eine ihrer Stärken. Zum Beispiel anhand der neuen Banknoten. Es fällt sofort auf, daß die aus Plastik sind. Erst dachte ich, so etwas kann man gar nicht als Geld betrachten, sieht doch aus wie Monopolyblüten. Allerdings revidierte ich meine Meinung, nachdem ich Australien besuchte und feststellte, daß die Banknoten auch dort aus Plastik waren. Das Geld der Zukunft ist selbst im Vollwaschgang nicht vernichtbar. Super, moderne Geldwäsche! Zumindest können sich meine Landsleute mit dem Material aus dem ihr Geld gemacht wird rühmen. Der Wert, der dahinter steckt, bleibt leider bescheiden. Stoff aus dem die Träume sind.

Ein Stück weiter befindet sich die Patisserie, die ich während meines Studiums regelmäßig aufsuchte, um mein Mittagessen – ein Käsetäschchen und ein Glas Buttermilch – zu kaufen. Doch bevor ich reinbeiße, fleht mich ein etwa zehn Jahre alter junge an, ihm eine Münze zu schenken. Warum müssen sie so erbärmlich betteln? Ich meine, wir befinden uns hier in  einer zivilisierten Welt, der Junge trägt ein T-Shirt von Adidas, muss das jetzt wirklich sein? Er sagt, er will sich etwas essbares kaufen. Ich glaube ihm kein Wort. Völlig genervt erwidere ich, dass ich selber gerade dabei bin, meinen Hunger zu stillen. Er stört. Ich frage brutal ob seine Eltern wissen was er da tut. Er ist kein „professioneller“ Bettler, das sieht man ihm an, er ist „einer von uns“. Plötzlich ist mir klar, dass genau dasselbe Hungergefühl, welches ich gerade verspüre, gleichzeitig auch ihn quält. Nein nicht dasselbe, das gleiche (verdammt nochmal: deutsche Sprache, schwere Sprache...).

Auf der Stelle bereue ich meine schroffe Zurückweisung, denn in seinen Augen steigen die Tränen auf. Er nimmt ein paar Meter Abstand, beteuert noch einmal ganz leise, daß er Hunger hat, und beobachtet mich stumm aus seiner Ecke. Ich kann nicht mehr schlucken. Dann gebe ich ihm ein paar Tausend Lei.  „Ich will jetzt sehen, wie Du Dir etwas kaufst“ bestimme ich verärgert. „Ja. Sofort, Tante! Vielen Dank!“ antwortet er und schreitet voller Freude zur Theke. Die Verkäuferin begrüßt ihn freundlich, wie einen alten Bekannten. Das bestärkt mich leider in der Vermutung, es handele sich hier um  kein obdachloses Straßenkind. Er ist Bestandteil der „Generation von Morgen“, der „Zukunft des Landes“. Was soll’s? Früher hing ich selber an den Baumästen entlang der Nationalstrasse und schrie hemmungslos nach den ausländischen Autos „Tschunga“ (Chewing gum).

„Na, hast Du jetzt wirklich Geld, um Dir eine „Honigpalme“ zu kaufen?“, fragt die freundliche Verkäuferin und reicht dem strahlenden Kind sein ersehntes Gebäck. Beim Verlassen des Ladens bin ich bereits um ein Schuldgefühl reicher. Der Kleine steht vor der Tür und bedankt sich zum dritten mal innig. Furchtbar peinlich; ich muss schnell weg. Mir ist so, als versuche ich vergeblich, einem Stück meines eigenen Selbst zu entkommen.

            In der Nähe meiner ehemaligen Uni hat ein Textilladen mit Fabrikpreisen aufgemacht. Ich kenne kaum eine Frau, die der Verlockung von „Fabrikpreisen“ widerstehen kann. Also gehe ich den Laden rein, der mit fast ein und der gleichen, sich unendlich in verschiedenen Größen wiederholenden, Ware gefüllt ist. Eine Hose nehme ich mit und gehe damit zur Probe, obwohl ich schon auf dem ersten Blick erkennen kann, dass sie schlecht angefertigt ist. Nicht einmal die Nähte sind vernünftig geschlossen. An den Probekabinen herrscht großes Gedränge, doch eine Verkäuferin hat schon meine Spur genommen und erlaubt mir nicht aufzugeben. „Probieren sie hier im Laden, das geht doch unter dem Rock!“, ermutigt sie mich. Und dann sagt sie: „Wir sind doch unter uns“. Zwar gefällt mir diese Stellung unter einem Hut, beziehungsweise Rock, nicht besonders, aber ich widerspreche nicht und freue mich innerlich sobald sich herausstellt, dass mir der Schnitt überhaupt nicht steht. Auffallend viele Verkäuferinnen tummeln sich im Laden, als ob sie die Aufgabe hätten, jedem unglücklichen Opfer automatisch auch etwas zu verkaufen. Ich glaube auch, dass sie so gut aufpassen, um eventuelle Diebe zu entmutigen. Meine Verkäuferin begleitet mich bis zur Tür, und ich bin froh, keine Hosen für 4 Euro gekauft zu haben, eben weil sie sich das so verzweifelt von mir gewünscht hat. Mal ist es zu billig, mal zu teuer; wer soll mich noch verstehen?

Am liebsten würde ich mir jetzt einen berühmten spanischen (Regisseur Pedro Almodovar) oder einen guten rumänischen Film (Cannes Preisträger) ansehen, denn zu Hause sehen wir fast ausschließlich deutsch fern. Doch herauszufinden was wo läuft ist gar nicht so einfach. Eine Zeitungsverkäuferin hilft mir bereitwillig auf der Suche nach einer Zeitung mit Kinoführer. Sie selber weiß auch nicht, wo das steht. Wer soll dafür Zeit haben, in dieser hektischen Stadt? Zu unserer Überraschung steht das nicht in der lokalen, sondern in einer der Landeszeitungen. Mit Logik hat das wieder mal nichts zu tun. Aber die Information ist vorhanden. Was will man mehr?

 

 Mit einem türkischen Kaffee vor der Nase, sitze ich später auf einer Terrasse und blättere zufrieden in der Zeitung. Keiner der gewünschten Filme ist darin, dafür aber ein amerikanischer, den ich seit einigen Monaten sehen wollte. Wie in einem Schauspiel läuft die Menschenmenge an meinem Tisch vorbei. Bilde ich mir das nur ein, oder sind mir wahrhaftig viele Gesichter geläufig? Kein Wunder, denn ich habe mit Sicherheit jahrelang Tausende von Malen in dieser anthropischen Suppe gebadet. So eine Uni mit 22.000 Studenten und Hunderten von Angestellten, prägt die Umgebung und läßt ein Mikrouniversum um sich herum entstehen. Es ist wie ein Staat im Staat, und wenn man 8 Jahre lang Teil davon war, bleibt wirklich nicht viel Platz für große blinde Flecken. Mich beobachtet auch niemand mit Argwohn; wahrscheinlich ist mein Gesicht in ihren Gehirnen genauso gespeichert. Dieses Gefühl von Sicherheit durch Angehörigkeit ist sehr schwer zu erklären. Es besteht trotzdem, selbst wenn es jeglicher logischen Erklärung entbehrt.

Etwas stimmt nicht mit meinem Kaffee! Die Tasse ist noch halbvoll, aber in meinem Mund habe ich nur noch ekliger Kaffeesatz. Ach ja, jetzt dämmert es mir wie aus einem früheren Leben: die Eigenarten des heimischen Kaffees! Den Türkischen habe ich schon immer getrunken, nicht weil er mir besser schmeckte, sondern weil es keinen anderen gab. Wie schnell ich das vergessen habe! Trotzdem glaube ich, dass die Verkäuferin die Hälfte der Flüssigkeit durch diesen übermäßigen Satz gespart hat. Egal. Meine allgegenwärtige Durstlöschflasche hilft mir beim Ausspülen lästiger Rückstände aus meinen Zahnlücken.

 

 Auch bei der Rückfahrt läßt der Trolleybus 79 fast eine Stunde auf sich warten. Beim Eintreffen ist er dermaßen voll, daß ich mich bis zum Entwertungsapparat regelrecht durchkämpfen muss, „Scuze“, „Pardon“, „Mersi“, langsam komme ich voran. Auf meinem schweren Weg dahin, kommen mir viele Hände entgegen, die auch ein Ticket zum Entwerten haben. Ich sammele alle sorgfältig und stempele gehorsam. Auf dem Weg zurück verteilte ich sie an emporragende Hände. Die Gesichter sehe ich nicht. Da soll mir jemand erzählen, es gäbe viele Verbrecher! Keine einzige Fahrkarte landet beim falschen Besitzer. Sag ich doch, wir sind eine Familie! Ähm, wir?!...

Der Weg von der Haltestelle zu Claras Wohnung ist mit improvisierten Verkaufsständen gesäumt. Bauern aus der Umgebung, „Selbständige“, die in Wochentakt in die Türkei mit dem Bus zum Einkaufen pendeln, Kinder, die ein wenig Geld verdienen wollen. Auf einer, auf dem Kopf gestellten Kiste bietet eine alte Bäuerin selbstgemachten Frischkäse. Der sieht so gut aus, dass ich unbedingt kosten muss, und genauso schmeckt er. Begeistert kaufe ich ein halbes Kilo. Eigentlich wollte ich nicht so viel haben, aber er war preiswert, und die betagte Dame fragt ob wir das Stück nicht ganz lassen wollen. Danach kaufe ich noch die Zutaten für eine Möhrencremesuppe. Schon freue ich mich auf die Überraschung, die ich Clara bereiten werde. Kochen ist eine meiner weniger gelungenen Tugenden, aber wenn ich Zeit habe, probiere ich es immer wieder. Auf Kosten meiner Vorkoster, versteht sich. Bei mir ist Kochen wie Nähen, faszinierend kompliziert und jedes mal anders.

Vieles was ich bisher in Sachen Kochen & Backen versucht habe ist daneben geraten und wurde später von meiner Mutter diskret beseitigt. Trotzdem lasse ich nicht locker. Das erklärt vielleicht auch, warum mich solch schwierige Aufgaben, wie die Behördengänge der vergangenen Woche stark anspornen.

In Claras Küche packe ich die Einkäufe aus und ... staune bei jeder neuen Entdeckung. Von den gekauften Möhren sind die Hälfte Blätter, die den Mülleimer randvoll füllen. Das nach außen gut aussehende Käsestück ist innen mit einer weißen Masse gefüllt, die wie Kalkfarbe aussieht. Eindeutig ist das ein anderer Käse, als der, den ich probiert habe. So ein Käse! Die alte Hexe hat mich am Straßenrand mit ihren „vergifteten Äpfeln“ gelockt. Dann finde ich auch das Stampfeisen nicht und muss die Möhren mühsam mit der Gabel pürrieren. Jetzt weiß ich, dass rumänische Möhren viel zäher als die deutschen und spanischen sind. Am Ende gebe ich einen Tick zu viel Pfeffer drauf, aber was macht das noch? Ich bin froh, dass es fertig ist. Von wegen eine Viertelstunde Vorbereitung. Eineinhalb mit Spülen und Abtrocknen! In meiner Heimat verlangen einem selbst die einfachen Tätigkeiten mindestens drei mal so viel Zeit und Energie ab als anderswo. Das ist einfach so.

Clara ist von der Arbeit zurück. Nein, ein Stampfeisen besitzt sie nicht. Wozu auch? Zum Yoghurtmischen? Zuerst liest sie mir die Leviten: jedes Kind weiß, „von den dreckigen Bauern an der Straße kann man ganz einfach nichts kaufen!“ Moment mal, ist das jetzt nicht Rassismus?!

Pause. Eine meiner weiteren Illusionen ist geplatzt. Gedanklich schmiere ich, mit einem imaginären Filzstift, ein dickes rotes Kreuz über die Ikone des unschuldigen ehrlichen Bauern, der mit der Natur innig verbrüdert ist.

Beim Servieren der Suppe bemerke ich beiläufig, noch bevor Clara etwas sagen kann: „Die habe ich extra scharf gemacht, um unsere Lebensgeister ein bißchen zu wecken“. Huch, ob ich davonkomme? Hat geklappt. Dick Pfeffer aufgetragen, ha, ha...

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Abends gehen wir tatsächlich ins Kino. Clara entscheidet „demokratisch“, dass wir uns einen Film über die berühmte Opernsängerin Maria Callas anschauen müssen. Hauptargument: „Dies ist keine Hollywoodproduktion. Amerikanische Filme kannst Du genug in deiner Heimat sehen“ («Heimat? Welche Heimat? Süße Heimat.»). Der Grund warum sie Callas´s Film gewählt hat, ist ohnehin unschlagbar: er ist in Bukarest gedreht. Unsere Hauptstadt wird sehr gerne als preiswerter Parisersatz genommen.

Insgesamt sind wir fünf Zuschauer im Saal und wir alle freuen uns, als es zu Ende ist. Ein durchaus genervter Jeremy Irons hat die ganze Zeit lang verzweifelt und vergeblich versucht, nicht nur die Operndiva sondern auch vieles mehr aus einer delikaten Notlage zu retten.

Danach fährt Clara mit mir noch zu einem kleinen Lokal. Da mein Rückflug am nächsten Morgen sehr früh geplant ist, wollen wir am Vorabend nur noch eine Kleinigkeit essen und dann schnell zu Bett gehen. Clara fährt zielbewußt ausgerechnet in einer der finstersten und düstersten Ecken der Stadt. Was will sie mir jetzt noch beweisen?! Vergeblich vergewissere ich mich vor dem Aussteigen, daß sie sich nicht getäuscht hat. So wie’s aussieht sind wir leider tatsächlich am A... der Welt. Clara parkt vor einer Zahnarztpraxis, aber das ist nicht die richtige Entscheidung. Ein Wachposten bittet uns, ein Stück weiter zu parken, denn er hat dem Doktor versprochen, seinen Platz frei zu halten. Clara ist von dieser Begrüßung nicht begeistert, aber ich finde das gar nicht so schlecht. Schließlich hat sich der Mensch zwei mal bei uns entschuldigt! Das kenne ich ganz anders. Als uns von allen Seiten befohlen wurde, trauten wir uns auch nicht zu widersprechen. Einmal wurde unser Auto sogar von sechs kräftigen Burschen angehoben und weiter gestellt, damit ein neuer BMW ganz vorne auf dem Parkplatz stehen konnte. Das ist doch ganz normal; jeder Mensch behält seine wertvollen Sachen lieber im Auge, oder?

Das Restaurant ist tatsächlich gemütlich, eine belgische Kneipe namens „Waterloo“. Die Suppe ist allerdings nichts belgisches, eher urrumänisch und nahrhafter als ich es lieb hätte: rote Bohnen mit Fleisch und geräucherten Würsten, dazu rohe, rote Zwiebeln. Ich kann nicht widerstehen; so etwas kriegt man nur daheim. Zwar registrieren wir nicht auf der Stelle eine napoleonische Niederlage, allerdings stellt sich am nächsten Tag heraus, daß der Laden nicht umsonst den Namen trägt, der, aus dem Englischen auf gut Deutsch übersetzt, nichts anderes als WC (Wasser Klo) heißt.

Im Flugzeug werde ich bitter meine „Kostprobe“ bereuen; Blähungen, Krämpfe und Schmerzen werden mir bis München schwer zu schaffen machen. All das wird meiner zeitweiligen Flugbegleitung - einer redseligen Dame, die zum ersten mal im Leben nach Amerika fliegt - sehr entgegenkommen. Gern wird sie auch mein Essen einpacken und sich auf dieser Weise eine Mahlzeit während des sechsstündlichen Zwischenstopps in München sparen. „Wissen sie wie klein der Tagessatz auf so einer Reise für uns, Beamte ist? Davon kann ich mir nicht vorstellen, irgend etwas vernünftiges zu essen zu kriegen. Doch sie ist froh, dass sie überhaupt geschickt wird. „Stellen sie sich vor! Nicht einmal im Traum wagte ich, mir so eine Reise zu wünschen!“, wird sie mir mit Begeisterung mitteilen.

***

Die Nacht ist kurz, der Schlaf ganz tief. Dank meines frühzeitigen Aufstehens bin ich endgültig müde und besitze auch mental die nötige Ruhe um loszulassen. Um sechs Uhr morgens fahren wir in den langsam heller werdenden Tag zum Flughafen. Schon wieder packt mich die Panik, sobald ich die steifen, uns wachsam beobachtenden Gestalten, um das Gebäude postiert, bemerke. Wieder fällt mir die spitze Bemerkung des unerfahrenen Mädchens vom Botschaftsschalter in Berlin ein. Demnach sollte ich schleunigst meinen Pass umwandeln lassen, denn „Rumänen, die im Ausland leben, müssen nicht mehr den roten Touristenpass, sondern den blauen Residentenpass vorzeigen“. Aber meiner ist noch drei Jahre lang gültig; allein der Gedanke, ihn samt deutschem Aufenthaltstitel für ein paar Wochen abzugeben, bereitet mir schlichte Angst. Ich hoffe nur, dass mir die Grenzbeamten gütig begegnen.

Clara will nicht länger bei mir bleiben. Ohnehin hat sie auf dem inoffiziellen Streifen geparkt, der bei den berüchtigten „Flughafentaxis“ in fester Hand ist, und muss schnell verschwinden. „Du kommst sicher problemlos durch. Ruf mich an, sobald Du über den gelben Streifen trittst“,  fügt sie vor dem Abschied bei.

Danach bin ich wieder alleine, gebe mein Gepäck ab und stelle mich an einer Schlange vor einem Grenzposten an. Wie der Teufel es so will, läuft ausgerechnet meine Warteschleife am zähsten. Der zuständige Beamte befragt mit ernster Miene eine Frau, die ihm widerholt etwas in Ihrem Paß zeigt. Sie weint. Sicher hat sie schon ihr Flugticket vorgezeigt und das Gepäck abgegeben, sonst wäre sie gar nicht so weit angelangt. Soweit das Gesetz vorschreibt, darf man als Rumäne in die EU, für eine Zeitspanne unter drei Monaten, ohne jegliches Visum reisen. Irgend etwas stimmt trotzdem nicht; vielleicht hat sie nicht genug Geld oder keine gültige Reiseversicherung. Könnte mir das auch passieren? Ich habe nur Plastikgeld und die Versicherungskarte von Signal dabei.

Der Beamte schließt sein Fenster und geht mit der Frau weg. Ich stehe jetzt vor der Glaskabine von nebenan. Mein Herz schlägt hoch in meinem Hals, doch ich versuche, so gleichgültig wie möglich auszusehen. Der Beamte untersucht meinen Pass und gibt ihn mir zufrieden zurück. Mit völlig normaler Stimme, ohne Argwohn, leitet er mich zum Flug weiter. Scheinbar bin ich nicht diejenige, die er heute auf dem Kieker hat. Ich verlasse die Heimat.

 

Epilog

 

Mein Mann holte mich vom Flughafen Alicante ab. Ich war völlig erschöpft, aber der Durst war auf der Stelle verschwunden. Die spanische Sonne, die Luft, das fröhliche Volk, die allgemeine Urlaubsstimmung, alles wirkte wie eine kostbare Belohnung für meine Mühe. Ich sagte: „Du willst nicht alles hören, was ich in dieser Woche erlebt habe! Ich kann es Dir nicht erzählen; wahrscheinlich muss ich es aufschreiben.“ Er sagte: „Das wird sicher ein Roman.“

 

Zwei Wochen später trafen Rosa, Matei und Valentin bei uns an der Costa Blanca ein. Ihre Ausreise verlief problemlos, es wurde kein Impfpass verlangt. Lediglich in Serbien wurden sie ein paar mal von der Polizei angehalten, oder was immer die Kerle sind, die dort die entprechenden Klamotten tragen. Unter dem Vorwand, es stimme eine Kleinigkeit nicht am Auto, mussten sie jedes mal 5 Euro bezahlen. Dafür bekamen sie nie eine Quittung.

Das neue Auto schaffte es tatsächlich nur bis Italien. Von dort aus mussten sie einen Flug buchen und den Seat in einer mailändischen Werkstatt zur Reparatur lassen. Die Woche bei uns verging ganz schnell. Es wäre noch schöner gewesen, wenn sich der Kleine am vorletzten Tag nicht noch den Arm gebrochen hätte (kein Scherz, ist wahr!).

 Den nächsten Monat verbrachten wir in der schleswig-holsteinischen Heimat. Einige unserer Verwandten und Freunde fragten uns, ob wir nicht überlegten, einmal für immer ganz dahin zu ziehen und auf unser „Pendlerdasein“ zu verzichten. Wir haben die Frage nicht verstanden.

Einen Monat später gönnte ich mir endlich meine Reise zu meinen Eltern und nutzte die Gelegenheit, um meine Mutter auf dem Rückflug zu begleiten. Es stellte sich als richtige Entscheidung heraus, denn sie hatte ein merkwürdiges Ticket, ohne Sitzplatz, dafür aber mit drei rückgängig gemachten Reservierungen (kann man auch im Stehen fliegen?) Am Münchener Flughafen wurden wir übrigens über völlig andere Gebäude geleitet. Meine Beschreibung der Transitzone hätte ihr nicht viel genutzt.

Bis zu dem Punkt, an dem ich diesen Bericht geschrieben habe, wussten meine Eltern immer noch nicht, das ich im Sommer die Heimat besucht habe. Der Flugverkehr zwischen Bukarest und Hermannstadt ist seit kurzem wieder freigegeben. Dieser Sommer bleibt als einziger Ausfall der Strecke seit dem Bestehen der rumänischen TAROM – Fluggesellschaft.

Während meines letzten Aufenthaltes in Rumänien erzählte mir ein deutscher Bekannter aus Siebenbürgen, dass er Freunde habe, die die rumänische Staatsangehörigkeit ablegen wollen und das nicht geschafft haben. Angeblich sei das unmöglich.

Meine Zusage kam über ein Jahr später, aber sie kam. Es war der Frühling in dem eine Menge Zivilisten dem Terrorattentat in Madrid zum Opfer fielen. Darunter waren auch einige Rumänen, die Spanien inzwischen als bessere Heimat entdeckt haben. Der Vater eines heil davongekommenen Mannes äusserte sich im rumänischen Fernsehen enttäuscht: „Mein Sohn hatte kein Glück. Ihm ist nichts passiert. Hätte er zumindest ein Bein oder ein Arm verloren, dann müssten er und seine Familie ein Leben lang nicht mehr arbeiten und könnte auf Kosten des spanischen Staates ganz gut leben!“

 

Beim eintippen funkte mir regelmässig mein Computer in die Grammatik. Bestimmte Wörter konnte ich nicht übernehmen, obwohl er oft eigentlich recht hat: anstatt Angehörigkeit, Ungehörigkeit; für geeidigt, geneigt; als Schnäppchen, besser Schnippchen, Internetseiten = Indezentesten, Apostile = Apostel, Adrenalin = Adressantin, hohlklingend = wohlklingend. Die Karpaten sind ihm leider auch nicht geläufig; zu weit weg, nehme ich an, ausgerechnet in der Wallachei. Ist die Wahl für das Unwort des Jahres schon abgeschlossen?

Bei meinem letzten Besuch in Rumänien schenkte ich Clara einen Stampfer. Sie hält weiter tapfer ihren Stress auf der Arbeit durch und pflegt die moderne Wochenendbeziehung zu Isidor.

Laura brachte ich zum dritten mal eine Armbanduhr, damit sie sich nicht mehr so arg verspätet. Valentin geht inzwischen schon in die zweite Klasse. Zu unserem Entsetzen diagnostizierten die Ärzte, trotz seines normalen Aussehens, einen Wasserkopf im Anfangsstadium!!! Der beste Kinderchirurg aus Paris hat ihn operiert und ist sehr zuversichtlich. Wir alle sind sprachlos.

Neulich unterhielt ich mich mit meinem Mann über Essen und er teilte mir mit, dass, laut seines Wissens, Enteneier nicht essbar seien. Er riet mir, die Finger davon zu lassen...