Leseproben aus “Die Zeit lief ab und sie träumte von Bonnie & Clyde“ by Andreas G. Schmitt
Outsiders
Fremd, versteckt, gebeugt gegen den Alltag
sitzen sie in abgedunkelten Zimmern
unter kratzenden Wolldecken,
lassen sich von Songs aus dem radio berieseln
& manche von ihnen schreiben Gedichte.
Den Absprung aus der Gesellschaft schaffen,
darum geht es ihnen,
doch manche bleiben auf der Strecke,
in der Mitte & sterben ein langsames Leben.
Sie sind auf der Suche nach Luft zum Atmen,
nach anderen Wegen & manchmal triffst du sie
in Parkanlagen, Hasch rauchend
& Alkohol trinkend,
der ihre verbrannten Seelen kühlen soll.
Sie haben nichts.
Gänsehaut
Du sitzt auf deinem Fußboden,
die Lampe scheint bieder über dich hinweg,
und sortierst die alten Platten.
Hendrix schreit dir direkt vom Cover ins Gesicht,
Cobain wälzt sich rücklings auf dem Podium,
die Füße gen Himmel gestreckt
und der gute alte Lennon klimpert ein letztes Mal
für diese Nacht sein Imagine in die Dunkelheit.
Aber du bist nur noch innerlich ein kleiner Rebell.
Schlurfst zum Kühlschrank, das verdammte Licht
rammt dir Schlitzaugen ins Gesicht. Und alles was dir bleibt
ist ein Beutel der fettarmen und ultrahocherhitzten Milch,
die du in kleinen Zügen langsam in dich hineinkippst.
Diese Gänsehaut, wie damals, sie kommt nicht mehr.
Damals, in den Diskos, als du dein Girl anschreien musstest
um dich mit ihm zu verständigen ...
Zu Hause habt ihr dann die Anlage aufgedreht,
die ganze verdammte Nacht lang, und eure Körper zitterten
im Bass der Boxen.
Heute ist fast nichts mehr geblieben, von damals,
sie haben dich mächtig an den Arsch gekriegt.
Diese verfluchten arbeitsgeilen Motherfucker.
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Der Tod so schwer
Er fühlte sich kalt an,
als hätte er gerade in einem Kühlschrank gesessen.
Heute, gegen halb elf, haben sie ihn für tot erklärt,
meinen Grandpa.
Jetzt liegt er hier im Wohnzimmer
und hat nach vier Jahren Koma die Schnauze voll.
Hatte es endlich hinter sich gebracht.
Die beiden Typen vom Beerdigungsinstitut
versuchten, ihm ein weißes Leichentuch anzulegen,
doch er war schon zu steif.
Es schien, als gefiele ihm das Zeug nicht,
und er weigerte sich partout, ein letztes Mal.
So trugen sie ihn aus dem Zimmer,
legten ihn im Flur in den kleinen Sarg
und schraubten den Deckel drauf.
An dem Treppengeländer machten sie schlapp.
Pa und ich gingen raus, packten an und wuchteten die Kiste
in diesen kleinen Bus, der im Hof stand.
Shit, selbst der Tod verlangt dir alles ab.
Er kommt langsam, wie eine vornehme Lady,
krallt sich mit seinen dünnen Fingern an deiner Schulter fest,
während du einen letzten Duft von Liebe versprühst
und ihm irgendwann folgst.
Girlfriends
Anfangs schmieden sie große Zukunftspläne
mit dir,
alle Welt scheint in Ordnung
und in glücklichen Nächten
decken sie dich mit Liebesschwüren ein.
Morgens räumst du im Bad dann
ihre Wimperntusche weg,
legst ihren Haargummi zur Seite,
duschst dich und siehst,
wie ihre langen Haare den Abfluss verstopfen.
Nach deinem Job kommst du nach Hause
und findest nichts als einen Abschiedsbrief
auf dem Küchentisch:
Du, es war echt schön mit Dir, aber ich glaub', wir ...
Wirfst ihn in den Müll,
holst dir ein Bier aus dem Kühlschrank
und markierst den Coolen:
Was soll's! Gibt genug von diesen Schlampen ...
Wischst dir einen kleinen Tropfen
neben dem Mund weg
und bildest dir ein,
es sei ein Tropfen der Bierflasche.
Aus: Warum wohnst du in so einer Gegend?
Gedichte und Prosa von Andreas G. Schmitt. Copyright (c) 2006.
ISBN 3-930672-95-2 / Verlag Radu Barbulescu / Alle Rechte vorbehalten.
Das Klo an der richtigen Stelle
Das Telefon klingelte und der Typ am anderen Ende stellte
sich mir als neuer Nachmieter vor.
Einige Tage später stand er dann vor meiner Tür. Bodyguard
sei er. Sah aus wie diese braungebrannten Typen, wie du sie in
Scharen an den Stränden von L.A. findest.
Soweit so gut.
Er ging langsam durch meine Bude (es waren nur 29 qm) und
malte unentwegt in seinem Notizbuch rum. Als ich ihn darauf
hin ansprach, erklärte er mir, er müsse sich alles genau
aufzeichnen.
Das Klo, das Waschbecken, die Badewanne, den Herd, die
Spüle und die Räumlichkeiten an sich.
Hätte etwas mit Energien, mit positiven wie auch negativen, zu
tun...
Ich setzte mich aufs Sofa.
Der ausschlaggebende Punkt aber an der ganzen Sache, wäre
das Klo. Er ließ mich wissen, dass es an der richtigen Stelle
sei, da die Klospülung zum Ausgang der Wohnung zeige und
damit die negative Energie nach außen bringen würde.
Damit könne er gut leben.
Dann aber kam er richtig in Fahrt und fing an:
Der Spiegel im Bad hing etwas zu niedrig. Das verursache
einen "abgeschnittenen Kopf", was Kopfschmerzen nach sich
ziehe. Exakt dieses Problem löse auch bei vielen Frauen
Migräne aus, ohne das diese ahnen woher. Aber das sei hier
nicht so wichtig, da er ohne Frau einziehe. Gut.
Er kam mir auch noch mit "zu vielen Türen" (es gab in der
ganzen Bude nur zwei) die fremde aber positive Energien
abhielten. Mit "zu kleinen Spiegeln" im Flur, die dir beim
hineinsehen die Seele "zerschneiden", dem "billigen Fußboden",
welcher dich ewig in der Vergangenheit laufen lässt und den
"viel zu kahlen Wänden", die er noch mit "frohen" Farben
anstreichen müsse.
Aber das Fenster zum Garten raus sei gut. Sehr gut.
Als er sein Wasser intus hatte, gab er mir artig die Hand,
teilte mir mit, dass er nun zu hause berechnen müsste, wo mehr
negative und mehr positive Energie sei, um die Möbel richtig
zu platzieren und ging.
Als ich die Tür hinter ihm schloss, fühlte ich nur noch
Negatives. Alles war einfach negativ. Was ich auch tat.
Ich stellte mich in jede Ecke der Bude. Legte mich aufs Bett,
senkrecht und waagrecht, sogar auf den Fußboden. Ging jedem
Spiegel aus dem Weg, aber es half einfach nicht.
Die blanke Wut kroch in mir hoch. Ich inhalierte pausenlos
den Rauch meiner Selbstgedrehten und bat leise darum, dass es
aufhört.
Aber es wurde nicht besser. Dieser Bastard hatte mir den Tag
versaut und zwar kräftig.
Ich malte mir aus, wie es sei, ihm sein verkorkstes Hirn aus
dem Schädel zu treten, als dass Telefon schrill klingelte und
meine Ex am anderen Ende der Leitung freundlich grüßte...
Aber das, dass ist eine andere Geschichte.
Aus: Warum wohnst du in so einer Gegend?
Gedichte und Prosa von Andreas G. Schmitt. Copyright (c) 2006.
ISBN 3-930672-95-2 / Verlag Radu Barbulescu / Alle Rechte vorbehalten.
Dieser Band vereint mehrere seiner neuen Gedichte und Kurzprosen. In den beiden Genres sticht die Begabung des Autors hervor, der trostlosen Umgebung und dem banalen täglichen Trott, aussagekräftige lyrische und schonungslose erzählerische Sentenzen zu entreißen. Es entstehen Typologien unserer Zeit, wie der Stadtteilpenner, der Literat oder die "Richtigen Männer". Schmitt erzeugt das Bild einer Welt, die von scheinbar grotesken (weil immer noch menschlichen), verwegenen oder verkrachten Männer- und Frauenfiguren bevölkert ist (Plastikpuppe, Künstlerkneipe in Berlin u.s.w.) und im "Kabelsalat" zu ersticken droht. Um einigermaßen geistig gesund zu überleben, hat der Autor aber auch eigene Rezepte: seine angeborene Menschenliebe, gute Musik und, wo es nicht mehr zu gehen scheint, seinen gesunden Humor: "... Kamst zu mir, hast dich aufs Bett gesetzt - / und dieses Lächeln, / kein Wort gesprochen / und doch alles gesagt. // Gingst zur Tür, fiel leise ins Schloss / und weg warst du. / Es war einer der schönsten Momente / und ich hatte nicht viele... " (R.-F. Barth, Verleger)
Gedichte und Prosa steht vorne drauf, doch Schmitt bleibt zumeist in der Prosa. Auch seine Gedichte liebäugeln mit Prosa, sind Prosa. Letztendlich ist es egal. Schmitt haut nicht groß auf die Kacke, bleibt immer nah dran an dem, was allgemein als Leben gilt und zieht einem in manchem Text den Boden unter den Füßen weg (z.B. Stadtteilpenner). Nun mögen manche meinen, dass Undergroundlyrik
immer den Hauch eines Buk hat und von Nichts anderem erzählt als dem, was um uns herum passiert. Aber genau das ist es, was uns am Leben hält. Hier wabert der Geruch der Straße durch die Zeilen, aber auch die Trostlosigkeit des Seins, welches sich jedoch nicht unterkriegen lässt: "Die Materie hat sich längst verabschiedet, / aber ich, verdammt ich bin noch da / und die Zeit ist
vergänglich, / manchmal, / während ich ein neues Schicksal aufbreche / und warte / auf etwas, / das vielleicht nie kommen wird." Danke, Mann, Du hast es verstanden. (www.jerkgoetterwind.de.vu)
Schmitts 2002 erschienener Gedichtband „Die Zeit lief ab und sie träumte von Bonnie und Clyde“ hat ihm schon so einige gute Besprechungen in diversen Undergroundpostillen eingebracht, und ich denke, das wird mit diesem neuen Buch nicht viel anders werden. Keiner wird eine literarische Revolution erwarten, und die bekommt er auch nicht geboten, dafür aber eine Sammlung von Prosagedichten, die mit wenigen Worten Momente beschreiben, die die ganze Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz bloß legen. Texte, die all die Enttäuschungen, den trostlosen Trott, das Ablaufen der Zeit mit einem Schulterzucken quittieren und entgegnen: Ich habs doch von Anfang an gewusst - und dabei doch nicht diesen letzten Funken Hoffnung außen vor lassen, der wahrscheinlich nicht nur den Autor überleben lässt. „Ja, Babe, den richtigen Moment zu finden, /darum und nur darum geht es. // Den richtigen Moment und dir bleibt noch etwas / Zeit.“ Schmitt ist sich der Ambivalenz der Dinge und seines eigenen Lebens bewusst und scheut sich nicht, das dem Leser auch vorzuhalten. Literatur kann eben so einfach und doch so wahr und lesenswert sein, indem sie wie eine Reportage über einen frustrierenden Alltag berichtet. Wie eine Lupe, nichts schönredend.
(Alex Strucken, Neuss, Hrsg. d. Literaturzeitschrift „Vorsicht Schreie)
Menschenliebe, Musik und Humor sind die drei Rezepte des Andreas Schmitt, um in einer mehr und mehr von Ökonomisierungszwängen dominierten Welt aufrecht zu gehen und seine Persönlichkeit nicht nur nicht zu verleugnen, sondern geradezu als Gegenakzent zu setzen. Er ist unbestechlich und hat es nicht nötig, in seiner Analyse den Dingen und der Welt gegenüber etwas zu beschönigen oder gar zu verdrängen. Seine Therapie findet sich dann in hochorigineller Form und voller entwaffnender Pointen. So wird selbst Else Kling „zunehmend attraktiver“, wenn man erst mal „in drei und halb Stunden eine halbe Flasche Jack Daniels und neun Dosen Bier in sich hineinkippt und glaubt, Schokolade rauchen zu können.“ Oder „ein Tastendruck“ auf dem Amt genügte und er war wieder „geschieden“ – das Formular folgt der Realität in deutschen Amtsstuben. Und wir lernen, dass die Rückseite eines tadellos glänzenden Apfels mitunter ganz schön faul sein kann – im wörtlichen wie im metaphorischen Sinn. Literarische Leuchtfeuer zeigen uns den Weg einer unverstellten und doch von uns handzuhabenden Realität. Zwar ist die Grenze zwischen Sarkasmus und Zynismus mithin fließend, doch surft Schmitt grazil elegant darauf – gelegentliche Grenzüberschreitungen sind erwünscht. Entwaffnend!
Ach ja: Für Süchtige: Dies ist schon das zweite Andreas Schmitt-Buch…
(Jochen König, Hrsg. der Literaturzeitschrift „Das Dosierte Leben“, Mannheim)WARUM WOHNST DU IN SO EINER GEGEND?
Gedichte & Prosa
116 S., 20,5 x 13,7 cm, Radu Barbulescu Verlag, München, 9,90 €
ISBN 3-930672-95-2
Zu beziehen über: www.buchhandel.de /
Radu Barbulescu Verlag, Görzerstr. 105 A, 81549 München, Mail: radu-barbulescu@web.de /
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